111 Gründe für den FC Bayern. Und einer mehr.

Es gibt 111 Gründe Angeln zu lieben. 111 Gründe für den FC 08 Homburg! 111 Gründe, Wien zu hassen (mir ist schleierhaft, wie man auch nur einen Grund finden kann, diese wunderbare Stadt nicht zu lieben). Aber auch 111 Gründe, ein Haus zu bauen, seine Kinder auf den Mond zu schießen, Yoga zu machen, Vegetarier zu sein, sich selbst zu lieben, München zu hassen, Wolfsburg (ja, Wolfsburg!) zu lieben. Es gibt 268 Treffer bei Amazon, wenn man nach Büchern sucht, die 111 Gründe für oder gegen irgendetwas aufführen. Das erste (und letzte) dieser Reihe habe ich gelesen:

Rot und weiss ein Leben lang. 111 Gründe für den FC Bayern München.

Das Buch geht seit Anfang November durch meine Timeline bei Twitter. Es wurde geschrieben von Felix Haselsteiner (@felixHa18) und Justin Kraft (@LahmsteigerDE). Zwei Autoren des zurzeit besten Bayernblogs miasanrot.de

Ich schätze den Blog sehr für seine Vorberichte und Spielanalysen. Durfte selbst dort schon was veröffentlichen zur Vereinspolitik des FC Bayern. Und weil ich den Blog und die Beiträge der Buchautoren schätze, habe ich ein Buch gekauft, das ich sonst nie gekauft hätte. Ich sollte es nicht bereuen.

Die Autoren beschreiben den FC Bayern aus ihrer Sicht in allen denkbaren und undenkbaren Facetten (ich selbst wäre niemals auf 111 Gründe gekommen). Sie sind mit 22 und 24 Jahren ungefähr halb so alt wie ich. Es ist sehr interessant, hier einen Einblick in die Gedankenwelt junger Bayernfans zu kriegen. Die vermutlich rund um die Jahrtausendwende mit dem Bayernvirus infiziert wurden. Vielleicht im Jahr der Schmach von Barcelona? Oder zwei Jahre später zum CL-Titel gegen Valencia? Wie auch immer: Die frühen 80er Jahre, meine Zeit der Fan-Werdung, Augenthaler, Nachtweih, Breitner, Dremmler, Pflügler kennen sie nur vom Hörensagen. Die teilweise gruseligen 90er, wo der FC Bayern phasenweise wahnwitzige Trainerentscheidungen traf und irrsinnige Transfers tätigte, mussten sie nicht erleiden. Somit wird es für Fans unterschiedlicher Generationen nicht nur unterschiedliche Gründe geben, den FC Bayern zu lieben. Sondern würden selbst manch identische Gründe unterschiedlich beschrieben werden.

Beispielsweise Grund 30: „Weil der FC Bayern Fehler immer schnell korrigiert.“

Hier werden die vernünftigen Trainerwechsel seit der Fehlentscheidung Klinsmann herangezogen. Aber ich erinnere mich noch mit Grausen daran, wie der Fehler der Heynckes-Entlassung mit dem Fehler Sören Lerby mit dem Fehler Erich Ribbeck korrigiert wurde.

Das Buch bohrt also nicht allzu tief im Unrat der Vergangenheit, es beleuchtet die Gegenwart, die Zeit der letzten 10 Jahre etwa und schaut auch in die Zukunft. Und das ist für mich der stärkste Teil eines lesenswerten Buches über den FC Bayern:
Die Autoren schaffen den Spagat, als „Grund für“ zu formulieren, was beim FC Bayern gegenwärtig eigentlich zu kritisieren ist:

Grund 63: „Weil man beim FC Bayern Werte vorgelebt bekommt.“

Grund 64: „Weil der FCB als Weltmarke familiär geblieben ist.“

Grund 69: „Weil der Club trotz aller Erfolge auch für Menschlichkeit steht.“

Diese Gründe habe ich mit größtem Interesse gelesen. Ich will nicht spoilern, lest selbst, wie die Autoren es schaffen, hier nachvollziehbare Begründungen zu liefern, ohne sich dabei zu verbiegen.

Beim Lesen des Buches hab ich darüber nachgedacht, was eigentlich mein „Grund“ ist, der für den FC Bayern spricht. Dabei kann es nicht darum gehen, aus welchem Grund man Bayern-Fan ist. Weil das Fan-Dasein zumeist ja keine rationale Ursache hat. Aber was ist Grund 112 aus meiner Sicht? Was spricht im Jahr 2017 für den FC Bayern?

Der FC Bayern ist für mich der faszinierendste und spannendste Club Europas, weil ich hier komprimiert das ganze Faszinosum und Dilemma, das ganze Drama, die Schönheit und Hässlichkeit, die Abgründe und die Höhen des heutigen Fußballs erleben kann. Der Club ist ein mittelständisches Unternehmen das Weltkonzern sein will. Patriarchalisch geführt, von Global Playern unterstützt, bestens vernetzt im Weltfußball, dessen Auswüchse vom Verein beizeiten kritisiert und gleichzeitig geschickt genutzt werden. Der FC Bayern kämpft glaubwürdig für einen eigenen Weg in Europas Elitezirkel. Will heimatverbunden bleiben, will die Fanbasis nicht verlieren. Will die Champions League gewinnen, ohne den entsprechenden Transferwahnsinn komplett mitzumachen. Will bestimmte Werte vorleben, will aber auch keinen Euro verlieren, der in Katar und China verdient werden kann. Nicht alles wirkt bei diesem Dauerspagat durchdacht, mit Strategie hinterlegt. Das kann und muss man kritisieren. Doch gleichzeitig kann man auch etwas Charmantes in diesem Unperfekten finden. In jedem Fall erkennt man ein aufrichtiges Bemühen für einen eigenen Weg. Den FC Bayern auf dieser Reise zu beobachten, zu begleiten und wenn möglich als Mitglied auch zu beeinflussen – das ist mein Grund 112 für den FC Bayern.