Das Rummenigge-Interview. Eine Interpretation.

Zur Person

Karl-Heinz Rummenigge wäre ein schlechter Schauspieler und er wusste es schon immer. Die Rolle des Sergeant Stark im Film Potato Fritz hätte er nie angenommen.

Rummenigge ist niemand für die große Bühne, wo das Rampenlicht blendet. Warum ich das glaube? Weil er sich sonst häufiger auf der großen Bühne präsentieren und inszenieren würde. In die erste Reihe will er nur im Champions-League-Finale.

Sein fehlendes Schauspieltalent ist ein Indiz dafür, dass Rummenigge sich im Gespräch mit mir nicht verstellt hat. Vielleicht hatte ich Glück, an dem Tag auf einen gut gelaunten Vorstandsvorsitzenden zu treffen. Vielleicht erlebte ich einen offenen Rummenigge, weil ich nicht als Journalist vor ihm saß. Vielleicht hatte er auch einfach Lust an dem „Experiment“ eines Interviews mit einem vereinsnahen, wenn auch kritischen Blogger.

Ich kann daher nur wiedergeben, wie ich ihn in der guten Stunde unseres Treffens erlebt habe: als freundlichen, entspannten Gesprächspartner, der in sich ruhte, gut zuhörte und gerne erzählte. Der mich nicht einen Moment spüren ließ, dass hier der große Vorsitzende mit einem von 290.000 Vereinsmitgliedern spricht.

Rummenigge wirkte auf mich in seinem Verhalten, aber auch in den Dingen, die er mir erzählte, uneitel. Ich dachte an die grandiose Dokumentation „Profis“, die den FC Bayern in der Saison 78/79 begleitet hat. Darin sind Spielszenen von einer Partie beim HSV, bei der die Bayernspieler Mikrofone trugen (heute undenkbar). Nach einem starken Sololauf schießt Rummenigge ein wunderbares Tor. Als Paul Breitner ihn dafür bejubeln will, winkt Rummenigge ab mit einem „Ist doch lächerlich“.

Uneitel, schon als Spieler. Es ging darum, ostwestfälisch nüchtern seine Arbeit zu erledigen, Tore zu schießen.

Sein Image ist ihm glaubhaft egal. Weil es ihm nicht wichtig ist, wie er rüberkommt. Das kann man ignorant finden. Kann man aber auch als bodenständig bezeichnen. Ich jedenfalls finde es im Glitzergeschäft des Spitzenfußballs sehr angenehm, wenn jemand um seine eigene Person kaum Aufhebens macht.

Ich will nicht von diesem einen angenehmen Gespräch aus das Image des emotionslosen unterkühlten Technokraten korrigieren. Aber eins wurde mir vor Augen geführt:

Der Mensch, den man aus den Medien kennt ist ein anderer als der ohne Kameras und Mikrofone. Das klingt banal, scheint aber dennoch oft vergessen zu werden, wenn man jemanden aufgrund von Pressekonferenzen und O-Tönen beurteilt. Auch bei Rummenigge kommt man mit diesem Schwarz-Weiß-Denken nicht weiter. Die Realität ist vielschichtiger.

Zur Sache

Rummenigges Zeit als Spieler beim FC Bayern dauerte zehn Jahre. Es war eine Ära. Aber nur eine kurze im Vergleich zu seiner zweiten Karriere in München, die nun schon seit 25 Jahren anhält. In dieser Zeit wurde der Verein zu einer AG. Und vom nationalen Nonplusultra mit mäßig gefüllter Leichtathletikarena zum internationalen Eliteclub mit ausverkauftem eigenen Stadion. Als Karl-Heinz Rummenigge im Jahr 1992 anfing, arbeitete er sich mit Fleiß und ostwestfälischer Sachlichkeit (ja, Lippstadt liegt nicht in Ostwestfalen, aber Rummenigge fühlt sich als einer) in die Materie ein. Er knüpfte ein Netz aus internationalen Kontakten, seine italienischen und französischen Sprachkenntnisse halfen ihm dabei. Hier wurde systematisch durch Rummenigge etwas erschaffen, was dem FC Bayern bis dahin fehlte: internationale Geltung.

Erfolgsanteil

Rummenigge erahnte bereits Ende der 80er Jahre, ich zitiere dazu in meinem Portrait, dass der Fußball zum globalisierten Unterhaltungszirkus mutieren würde. Erst durch seine Kontakte in die Wirtschaft und zu anderen wichtigen europäischen Clubs konnte der FC Bayern zu einer europäischen Top-Marke im Fußball werden.

Das kann man alles kritisch sehen und verurteilen. Ich will es aber einfach mal wertneutral formulieren. Weil das sonst nicht geschieht. Weil sonst bei ihm kaum differenziert wird. Ohne Karl-Heinz Rummenigge hätte der FC Bayern vielleicht kein eigenes Stadion und ohne seine leitende zehnjährige Tätigkeit bei der ECA (Vereinigung europäischer Fußballvereine) ganz sicher nicht den wirtschaftlichen – und damit sportlichen Erfolg.

Der FC Bayern ist nicht nur das Lebenswerk von Uli Hoeneß. Sondern auch das von Karl-Heinz Rummenigge. In seinen zehn Jahren als Spieler war er für viele Titel maßgeblich verantwortlich und sorgte mit seinen überragenden Leistungen dafür, dass der FC Bayern in der Bundesliga gefürchtet war. Durch seinen Transfer nach Italien erst wurde der FC Bayern schuldenfrei und wirtschaftlich handlungsfähig. Durch seine prägende Tätigkeit der letzten 25 Jahre wuchsen Verein und AG zu einem Fußballunternehmen mit Milliardenwert.

Es geht ihm nur um den FC Bayern

Wie Rummenigge selbst dabei in der Öffentlichkeit wegkommt, ist für ihn zweitrangig. Ist ihm auch egal, wie die eigenen Mitglieder über ihn und seinen Kurs denken? Nein, es ist anders: Er ist immer mal wieder irritiert darüber, wenn seine Vorstellungen von Vermarktung und Kapitalisierung an der Basis nicht gut ankommen. Denn aus seiner Sicht ist das ja alles zum Wohl des FC Bayern.

Die K-Frage

Warum ich ihn nichts zu Katar gefragt habe? Weil das nicht Thema dieses Interviews war. Und weil ich zum anderen bereits mehrfach gegenüber dem Club deutliche Kritik an den Katar-Touren geäußert habe. Kritik, die auch Rummenigge erreicht hat.

Mein Fazit

Man muss Rummenigge kritisieren, wenn er mit seinen Vermarktungsambitionen übers Ziel hinausschießt. Man muss ihm auch die Widersprüche vorhalten, die in manchen Aussagen stecken. Man muss ihn immer wieder dafür sensibilisieren, dass das Wohl des FC Bayern zum Teil auch vom Wohl der ganzen Bundesliga abhängt. Aber man sollte ihn gleichzeitig auch dafür respektieren, was er für den FC Bayern mit besten Absichten in insgesamt 35 Jahren geleistet hat. Und das ist, mit einer weiteren Rummenigge-Floskel gesprochen, „ à la bonne heure“.

Karl-Heinz Rummenigge. Ein Blick hinter das Image – und ein Gespräch.

Am 13. November 1980 schreibt meine Mutter in ihr Tagebuch:
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Neu in der Stadt, neu in der Schule bin ich mit acht in einem Alter, in dem ich nach Vorbildern suche. Fündig werde ich bei dem Mann aus Lippstadt, der wie ich aus Ostwestfalen kommt. Dem für mich besten Fußballer der Welt. Eine Tormaschine. Er spielt unfassbar gut und wirkt dabei so brav und harmlos. So brav und harmlos wie ich es bin. Paul Breitner, den finde ich auch toll, aber der ist mir irgendwie zu anarchisch mit seinem wilden Bart und dem raushängenden Trikot. Karl-Heinz Rummenigge ist dagegen wie der große vernünftige Bruder, dem man gefahrlos nacheifern kann.

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Ich spiele im Garten seine Tore nach. Nehme einige Jahre später Sportschauberichte auf VHS auf, um danach in Zeitlupe jede Rummenigge-Szene noch einmal genießen zu können.
Zum Geburtstag bekomme ich ein reich bebildertes Rummenigge-Buch. Weite Passagen des kitschigen Textes kann ich bald auswendig: „Gegen sieben wird’s feierlich. Martina zündet fünf Kerzen an und serviert. Fleisch muss es sein. Steaks, Kalb oder Rind. Dazu Pommes. Je nach Saison Spargel- oder grüner Salat. Gemüse mag er nicht.“

An der Straße auf meinem Schulweg steht irgendwann ein lebensgroßer Rummenigge aus Pappe im Schuhgeschäft. Ich bitte den Inhaber, mir den Aufsteller zu schenken, wenn er den nicht mehr bräuchte. Er verspricht es mir. Täglich gehe ich am Schaufenster vorbei. Täglich schaue ich Rummenigge an. Er gehört bereits mir. Ich habe schon einen Ehrenplatz in meinem Zimmer dafür freigeräumt. Doch dann ist Rummenigge weg. „Ach, tut mir leid, den hab ich gestern weggeschmissen.“ Meine Eltern müssen mir weinendem Fan versprechen, dass wir nie wieder dort Schuhe kaufen würden.

Wenig später – und das ist nicht von Pappe – ist Rummenigge dann wirklich weg. Er verlässt 1984 den FC Bayern nach Italien, es ist ein Stich ins Herz, es ist, so befürchte ich, der Todesstoß für den FC Bayern. Dass durch die Ablösesumme von 11.000.000 DM der e.V. schuldenfrei wird und auch ohne den damaligen 18.000-DM-Transfer (eine Rendite von 610%) noch ein paar Titel gewinnen wird, kann ja kein Kind damals wissen.

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Italien

Während seiner Zeit in Italien bleibe ich Rummenigge treu. Ich will so ein cooles Inter-Trikot mit dem Misura-Schriftzug, doch das gibt es in unserem Kaff nicht zu kaufen. Mein Taschengeld investiere ich in den „kicker“ und das „kicker Fußballmagazin“. Dort erfahre ich, dass Rummenigge am Comer See wohne und mit einer gewissen Milva befreundet sei. Ich bitte meine Eltern, unseren nächsten Urlaub am Comer See zu verbringen; leider ohne Erfolg.

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Anpfiff

Im Jahr 1987 kaufe ich mir „Anpfiff“ von Toni Schumacher. Darin wird er von Schumacher als intriganter Machtmensch dargestellt, der unfit zur WM reist, rund um die Uhr einen Masseur für sich reserviert, als Kapitän mehr spaltet als eint. Schwere Kost für mich. Ist was dran an Schumachers Vorwürfen? Zeigt sich Rummenigge schon früh als jemand, der Macht will? Und dafür mit harten Bandagen kämpft?

Visionär

Kurz nach seinem Karriereende bei Servette Genf in der Schweiz, im Jahr 1989, äußert Rummenigge im kicker seine Vorstellungen vom Bundesligafußball bis zum Jahr 2000. Vieles von dem, was Rummenigge vor 28 Jahren fordert und sich vorstellt, nimmt die Zukunft vorweg. Er sieht die Ausgliederung der Profiabteilungen in Kapitalgesellschaften genauso kommen, wie mehr Entertainment rund um das Spiel, die Wichtigkeit von Live-Fußball im TV und prognostiziert sogar die Gründung der DFL:

„Die Bundesligavereine müssen strukturiert sein wie Aktiengesellschaften.“

„Auch in Deutschland muss sich die Industrie künftig in einem Maße im Sport engagieren, das die bisherigen Dimensionen sprengt.“

„Um das Stadion herum muss ein Gesamtpaket für die Familie geschnürt werden. Einkaufszentrum, Freizeitanlagen. Eine Art kleine Disneyworld.“

„Die Partien werden präsentiert werden. Mit einem Vor-, einem Halbzeit- und einem Nachprogramm.“

„Für den Freitagabend würde ich das Spiel der Woche ansetzen, das das Fernsehen live überträgt. Ideal für Industrie und Werbung.“

„Der Profifußball muss sich vom Amateurismus lösen. So sollte unter dem Dach des DFB ein eigenständiges Gebäude „Profifußball“ heranwachsen, das sich weitestgehend selbst verwaltet.“

Kommentator

Es wird 1990, ich werde erwachsen, und Deutschland wird in Italien mit Karl-Heinz Rummenigge als Co-Kommentator Weltmeister. Die Emanzipation vom Helden meiner Kindheit setzt ein. Mit der Stimme, die da neben der von Gerd Rubenbauer zu hören ist, werde ich trotz sonoren Timbres nicht richtig warm.

Vizepräsident

Im November 1991 kommt Rummenigge zurück zum FC Bayern. Als Vizepräsident. Das gefällt mir, denn die Einbindung ehemaliger Spieler gehört seit jeher zur DNA des Clubs. Was Rummenigge für dieses Amt qualifiziert? Was sein Plan für seine neue Karriere ist? Keine Ahnung. Ist mir aber auch egal. Als Bayernfan hinterfrage ich das damals nicht. Als Bayernfan hat man in der ersten Hälfte der 90er andere Probleme. Sportlich finstere Jahre für den erfolgsverwöhnten Anhänger. In Rummenigges erster Saison als Vize-Präsident wird der FC Bayern mit 15 Niederlagen Zehnter in der Liga. Zehnter! Ein Ausdruck der Krise im Club, aufgrund derer Rummenigge geholt wurde.
Der Club trifft sportliche Entscheidungen, die ich vorher nicht für möglich hielt. Zuerst der Heynckes-Rauswurf, der meinen (vorübergehenden) Vereinsaustritt nach sich zieht. Dann Sören Lerby als Trainer, dann Erich Ribbeck, Beckenbauer, Otto Rehhagel, wieder Beckenbauer.

Vorstandsvorsitzender

Nach einer elfjährigen Lehrzeit Boss: Am 14. Februar 2002 steht Rummenigge an der Spitze der FC Bayern München AG. Einer der Mächtigsten im deutschen Fußball. Vorstandsvorsitzender der Fußballabteilung auf Aktien. Die Ziele der Ausgliederung: kurzfristig die Finanzierung des eigenen Stadions sichern. Mittelfristig die nationale Dominanz des Clubs festigen. Langfristig auch international dauerhaft zu den großen Clubs des europäischen Fußballs aufsteigen. Kein Spoiler: Alle Ziele sollten in den nächsten 15 Jahren unter Rummenigges Führung erreicht werden.
Auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung zur Ausgliederung herrscht in Unkenntnis der sonnigen Zukunft in Teilen große Skepsis. Da wird Rummenigge deutlich in Richtung Opposition: „Ich bin ein großer Demokrat, aber ich halte Sie für gemeingefährlich. Sie reden populistisch und haben nicht das Wohl des Vereins im Sinn.“

Madrid, Mailand, Manchester, München: Willkommen im Club.

Unter dem Geschäftsmann Rummenigge wächst und wächst die FC Bayern München AG. Das Festgeldkonto wird immer praller, auch international wird der Verein zunehmend respektiert. In Madrid, Mailand, Manchester staunt man über diese Deutschen, die fleißig ihr Stadion abbezahlen und ansonsten ohne Bankkredite einen erfolgreichen Spielbetrieb finanzieren.
Dass der Vorstandsvorsitzende daran einen gehörigen Anteil haben muss, ist zu vermuten. Wirklich etwas darüber lesen kann man nicht. Im Gegenteil wird die atemberaubende wirtschaftliche Entwicklung zumeist bei Uli Hoeneß verbucht. Und nicht beim operativ verantwortlichen Netzwerker Rummenigge. Dabei sind vermutlich dessen internationalen Kontakten so mancher Transfer und Sponsorendeal zu verdanken. Vom wachsenden Standing des FC Bayern im fußballeuropäischen Elitezirkel ganz zu schweigen.
Es wird zwar immer wieder über Karl-Heinz Rummenigge gesprochen, aber selten mit ihm über seine Tätigkeit beim FC Bayern und seinen Einfluss auf die Entwicklung des Clubs. Stattdessen steht er häufig in der Kritik der fußballinteressierten Öffentlichkeit, beispielsweise wenn es um das Aushandeln neuer Fernsehverträge geht.

Wirtschaftsnah. Basisfern?

Die Nähe zur Wirtschaft und eine Konzentration auf Finanzthemen, die seine Tätigkeit als Vorstandsvorsitzender automatisch mit sich bringen, implizieren „kopfgesteuertes Handeln“ und „kühles Rechnen“. Und damit eine Distanz zum emotionalen, unberechenbaren Fußball. Fans diskutieren über Phantomtore, Schiedsrichterglück und Duselsiege. Und eher weniger über Sponsorenpools, Umsatzrenditen und Quartalszahlen.
Karl-Heinz Rummenigge ist in beiden Welten zuhause. Spricht nach Aussage eines erfahrenen Münchener Journalisten aber lieber mit Wirtschaftsmagazinen über Financial Fairplay als mit Sportredaktionen über das kommende Spiel. Sein Ehrgeiz liege nun einmal darin, „den ganzen Laden zu finanzieren“, wie Rummenigge einmal sagt.

Killer-Image

Im Jahr 1996 schreibt „Der Spiegel“: „Besonders Rummenigge, meint ein Vorstandsmitglied, sei skrupellos. Einige im Verein nennen den Kalle einen ‚Killer’.“
Der Spitzname „Killer-Kalle“ ist in der Welt. Und spätestens mit dem Amt des Vorstandsvorsitzenden entsteht durch die mediale Rezeption ein Bild von Rummenigge als einem unterkühlt handelnden Technokraten, der zum Lachen in den Keller geht, eiskalt handelt und auf diese Weise perfekt an die Spitze dieses angeblich ebenso eiskalt erfolgsorientierten Clubs passt.

Widersprüche

Hin und wieder leistet er selbst auch Beiträge zum Negativbild. Durch unbedachte Äußerungen wie „Fußball ist keine Mathematik“; vor allem aber durch widersprüchliche Aussagen. Drei Beispiele:

Europaliga
Im Jahr 2013 erteilt Rummenigge einer europäischen Superliga eine klare Absage: „Unsere Superliga ist die Champions League. Wir sind sehr glücklich mit den derzeitigen Wettbewerben. Wir werden weiter mit der UEFA zusammenarbeiten, und das über 2018 hinaus.“ Doch im Jahr 2016: „Ich schließe es nicht aus, dass man in Zukunft eine europäische Liga gründet, in der die großen Teams aus Italien, Deutschland, England, Spanien und Frankreich spielen.“

Fernsehverträge
Im Jahr 2009 geht es mal wieder um besser dotierte Fernsehverträge. Der Pay-TV-Anbieter Premiere will exklusiv alle Champions-League-Spiele live übertragen. Rummenigge befürchtet, „dass alle Bayern-Spiele nur noch im Pay-TV übertragen werden. Die Fans werden in erpresserischer Weise zu Abonnements gezwungen. Wir müssen aufpassen, dass wir die Seele des Fußballs nicht verkaufen.“
Sieben Jahre später sind die Befürchtungen von Rummenigge alle eingetroffen. Wer Champions League schauen will, muss ab der Saison 18/19 gleich mehrere Abos abschließen. Im Free-TV läuft live so gut wie nichts mehr. Die neuen Fernsehverträge zersplittern den Spieltag. Vor allem gegen die Montagsspiele protestieren die Fans. Nun wirbt Rummenigge um Verständnis: „Wir wollen alle viel Geld vom Fernsehen. Da müssen wir auch dem Fernsehen ein Stückchen mehr Zucker in den Kaffee reinschütten.“

Schiedsrichter
Im April 2017 scheidet der FC Bayern bei Real Madrid aus der Champions League aus. Die Partie ist geprägt durch zahlreiche Fehlentscheidungen – auf beiden Seiten – durch Schiedsrichter Kassai. Rummenigge lässt auf dem anschließenden Bankett seinen Emotionen so deutlich wie Jahre nicht öffentlich seinen Lauf: „Wir sind beschissen worden, im wahrsten Sinne des Wortes.“ Vielleicht ist diese Reaktion im unmittelbaren Frust nach so einer unglücklichen Niederlage noch verständlich. Doch auf der Jahreshauptversammlung im November 2017 erneuert Rummenigge seinen Vorwurf des Beschisses, der ja Planung und Absicht beim Schiedsrichterteam unterstellt. Drei Jahre zuvor, nach dem glücklich gewonnenen Pokalfinale gegen Dortmund, mahnt Rummenigge noch: „Es ist unerträglich, in welchem Maße die Unparteiischen, die nicht auf Wiederholung und Zeitlupen zurückgreifen können, öffentlich an den Pranger gestellt werden.“

Karikatur

Dennoch überrascht und irritiert es, dass jemand unabhängig von seinen tatsächlichen Leistungen aufgrund gelegentlicher kritisierenswerter Äußerungen so karikiert wird:

  • „der spröde Westfale“ (Welt 2003)
  • „Härte, Coolness, Kälte“ (Tagesspiegel 2004)
  • „technokratischer Analytiker“ (Welt 2008)
  • „eiswürfeläugiger Technokrat“ (SZ 2009)
  • „der unterkühlt wirkende Rummenigge“ (Focus 2009)
  • „kühl überlegt, sachlich, gefühlsarm“ (Stern 2011)
  • „der unterkühlte Westfale“ (Die ZEIT 2013)
  • „kalkulierte Kälte“ (web.de 2016)
  • „kühl kalkulierender Funktionär“ (Focus 2016)
  • „gewissenlos berechnend“ (Neues Deutschland 2016)
  • „kühler Analytiker“ (Tagesspiegel 2016)
  • „Strippenzieher im Hintergrund“ (Sport1 2017)

Ist Rummenigge hier das Opfer seiner medialen Zurückhaltung? Wird jemand, der nicht volksnah auftritt, umso kritischer an seinen wenigen Aussagen gemessen? Was macht das eigentlich mit jemandem, der über Jahrzehnte immer wieder – und fast ausschließlich – solche Zuschreibungen über sich liest? Wehrt man sich gegen diese Klischees? Oder akzeptiert man diese irgendwann, weil sie im geschäftlichen Alltag auch bequem sein können? Nach dem Motto vom ungenierten Leben mit ruiniertem Ruf?

Ich will es genauer wissen – und ihn persönlich fragen. Nach seinem Image und seiner Karriere. Nach seinem Führungsstil und seinen Überzeugungen. Ich will erfahren, wie er den Fußball mit seinen irrationalen Facetten wahrnimmt, wann er Emotionen zulässt und wovon er noch träumt. Anfang Dezember treffe ich Karl-Heinz Rummenigge zu einem ausführlichen Gespräch.

„2013 fühlte ich mich wie Fred Astaire: I’m in heaven.“


Herr Rummenigge, bei vielen Medien und in der Öffentlichkeit gelten Sie als unterkühlt, emotionslos und basisfern. Stört Sie dieses Image eigentlich?

Naja, ein Image bezieht sich zunächst einmal auf den „Schein“ und nicht auf das „Sein.“ Ich hatte nie den Anspruch, everybody’s darling zu sein. Ein Image wird ja auch sehr von Medien „gestrickt“.

Wie hat sich dieses Image eigentlich entwickelt? Haben Sie eine Erklärung dafür?

In den 90er Jahren erfand ein Redakteur des Spiegel den „Killer Kalle“; stilistisch eine Meisterleistung. Meine Frau hat dann dem Redakteur geschrieben, wie sie mich im Garten beim Efeu rupfen beobachte und dass sie da durchaus seiner Aussage folgen könne: ein Killer durch und durch. Dieses Image entstand während der Umbauten im Präsidium des FC Bayern zwischen 1992 und 1994: Fritz Scherer musste den Staffelstab weiterreichen an Franz Beckenbauer, der Präsident wurde. Über meine Rolle in dieser Situation wurden dann Legenden gestrickt. Ich kann damit gut leben.

Ist das vielleicht sogar ganz bequem, als distanziert zu gelten?

Ja, manchmal ist es mir tatsächlich gar nicht so unrecht. Ich habe mit meinem Image kein Problem. Meine Familie, meine Freunde und der innere Zirkel des FC Bayern wissen, wie ich ticke. Und nur das ist für mich wichtig.

Als Sie Ihre Karriere als Spieler beendeten, welche Pläne hatten Sie da?

Ehrlich gesagt: keine. 1989 habe ich noch in Genf bei Servette gespielt, das war ein kleiner Club mit deutlich weniger Zuschauern als vorher in München oder Mailand. Eine interessante Erfahrung, weil ich erstmals professionellen Fußball ohne Druck erfahren habe. Die Schweizer Kollegen haben sich immer über mich gewundert: „Sag mal, Deutscher, Du bist nie aufgeregt. Du bist immer entspannt.“ Ich habe geantwortet: „Ja klar, soll ich mir jetzt auch hier noch Druck machen?“ Am Ende des zweiten Vertragsjahres spürte ich, dass mir die Motivation fehlte, noch eine Saison dranzuhängen. Konkrete Pläne für die Zeit nach der Fußball-Karriere hatte ich keine. Trainer werden wollte ich nicht, ins Fußball-Management zu wechseln, konnte ich mir noch nicht vorstellen. Also bin ich erst einmal drei Monate lang mit meiner ganzen Familie durch Italien gereist. Von der Südspitze bis ganz in den Norden. Nach all den Profi-Jahren war das eine gute Erfahrung. Dann bekam ich zur WM 1990 das Angebot, für die ARD als Co-Kommentator zu arbeiten. Das hat mir anfänglich großen Spaß gemacht, doch schon während der EM zwei Jahre später war mir klar, dass ich aufhören musste. Immer sollte ich eine kritische Distanz zu den Spielern einnehmen, die kurz vorher noch deine Kollegen waren. Dazu hatte ich dann keine Lust mehr.

Und dann kam der Ruf vom FC Bayern?

In der Saison 1991/92 gab es ja eine relativ große Krise für unsere Verhältnisse. Der Klub war Zwölfter in der Liga, dramatisch deutlich gegen einen kleinen Verein aus Kopenhagen im UEFA-Cup rausgeflogen. In dieser Lage kam der damalige Präsident Fritz Scherer zu Franz Beckenbauer und mir und hat uns gefragt, ob wir uns vorstellen könnten, Vizepräsidenten zu werden. Um die sportliche Kompetenz im Club zu verbreitern.

Da wussten Sie noch nicht, was auf Sie zukommt, oder?

Nein, ich wusste gar nichts. Was ich damals wie heute im Fußball bedauere: Du wirst nicht auf den Job vorbereitet. Selbst wenn man wie Oliver Kahn Betriebswirtschaft studiert, hat das mit dem konkreten Fußballgeschäft noch wenig zu tun. Mir wird der ganze Komplex zu wenig miteinander verwoben. Da sind der Sport, die Finanzen, die Vereinspolitik und noch viel mehr. Ich würde mir wünschen, dass der DFB zum Beispiel in Kooperation mit der DFL eine Art Manager-Studium auflegt, das die Absolventen bestens vorbereitet auf die Herausforderungen des Fußballgeschäftes.

Sie sprechen immer wieder mal von den guten Lehrmeistern, die Ihnen beim FC Bayern geholfen haben. Welche waren das, und was haben Sie gelernt?

Der erste während meiner Zeit als Spieler war Franz Beckenbauer. Er war null arrogant, hat mich 18-Jährigen oft nach dem Training mit seinem Auto nach Hause gefahren. Franz ist gegenüber jedermann freundlich, nie herablassend. Diese Wesensart habe ich mir zum Vorbild genommen. Der zweite war später Uli Hoeneß, damals bereits die Benchmark als Bundesliga-Manager. Der dritte war Karl Hopfner, der mich mit den betriebswirtschaftlichen Finessen vertraut machte. Für mich war das wunderbar nach meinem Einstieg ins Vereinsmanagement, dass ich im Windschatten von Uli und Karl Erfahrung und Know-how sammeln konnte.

Was waren Ihre konkreten Aufgaben?

Ich suchte mir Ressorts, die nicht besetzt waren, zum Beispiel das Ressort für internationale Kontakte. Mit den Jahren bin ich zu einer Art Außenminister unseres Klubs geworden, habe Beziehungen zu DFB, FIFA und UEFA und insgesamt ein großes Netzwerk aufgebaut. Davon profitiere ich, profitiert der FC Bayern heute sehr, und ich werde alles dafür tun, dass auch Hasan Salihamidzic die Chance erhält, im Windschatten von Uli und mir zu lernen. Da fängt Hasan im August bei uns an, und draußen erwarten alle, dass er sechs Wochen später perfekt ist. Dass er ein Netzwerk hat, Pläne, Strategien, dass er das Scouting neu aufstellt. Auch Uli benötigte Zeit, zu dem Manager zu reifen, der in Deutschland und Europa Maßstäbe setzte. Ich brauchte Zeit. Wir beide haben auch Fehler gemacht, wir beide haben auch schon suboptimale Interviews gegeben. Aber es war insgesamt mehr Geduld vorhanden. Wie ein Teil der Medien mit Hasan umspringt, ist unappetitlich. Aber Hasan wird sich durchsetzen, und Uli wie ich werden ihn darin total unterstützen. Denn wenn man heute einen Sportdirektor für den FC Bayern München sucht, gibt es zwei Ansätze: Entweder du holst einen Etablierten von einem anderen Klub, oder du musst den Weg der Geduld gehen, mit einem Eigengewächs. Uli und ich haben uns mit Hasan für das Eigengewächs entschieden, weil wir überzeugt davon sind, dass er das am Ende des Tages alles sehr gut machen wird. Und bis dahin werden wir geduldig sein.

War Ihr nächster Schritt zum Vorstandsvorsitzenden 2002 dann fast zwangsläufig?

Klar war damals, dass Franz diesen Weg in die AG als Vorstandsvorsitzender und damit Verantwortlicher für alles Operative nicht mitgehen würde. Das konnte er angesichts seiner anderen Engagements zeitlich nicht leisten. Karl, Uli und ich sollten dann unter uns diskutieren, wer in der AG für was zuständig sein soll und dann dem Aufsichtsrat einen Vorschlag machen. Also haben wir Drei uns hingesetzt und das gemeinsam entschieden. Titel auf den Visitenkarten waren für uns nicht wichtig, wir haben im e.V. genau so harmonisch zusammen gearbeitet wie später in der AG.

Als Kapitän der Nationalmannschaft haben Sie Ihren Führungsstil so beschrieben: „Ich führe lieber Einzelgespräche, als auf den Tisch zu hauen.“ Welchen Führungsstil pflegen Sie als Kapitän der FC Bayern München AG?

Es stimmt, als Kapitän habe ich früher gerne Einzelgespräche geführt. Denn wenn es Probleme gab, waren die oft nicht in der Gruppe zu lösen. Im Einzelgespräch ist es möglich, die unbequemen Wahrheiten auszusprechen. Aber manchmal muss es auch in der Gruppe unbesehen von persönlichen Befindlichkeiten kritisch zur Sache gehen. Wir haben hier jeden Montag unsere Vorstandssitzung, in der wirklich alles auf den Tisch kommt, auch unterschiedliche Ansichten zu einem Thema. Und dann muss man sehen, wie man da ans Ziel kommt.

Durch Auf-den-Tisch-Hauen?

Vor allem durch Moderieren. Das habe ich in meiner Zeit hier beim FC Bayern und als Vorsitzender der European Club Association (ECA) gelernt. In der ECA gibt es vom Grunde her sehr unterschiedliche Interessen, beispielsweise zwischen Real Madrid auf der einen Seite und Celtic Glasgow auf der anderen. Da muss man als Moderator auftreten, um eine Lösung zu finden, mit der alle zufrieden sein können, die großen Klubs wie die kleinen. Wenn ich merkte, dass die Köpfe rot und röter wurden, habe ich gerne eine Kaffeepause ausgerufen, um in der Unterbrechung in persönlichen Gesprächen – da sind sie wieder, die Einzelgespräche – Kompromisse auszuhandeln.

Lassen Sie Ihren Kollegen bei der Durchsetzung Ihrer Zielvorgaben freie Hand?

Ja, durchaus. Man muss Vertrauen haben zu seinen Kollegen. Ich verfahre nach dem Prinzip des Forderns und Förderns. Wenn es Probleme gibt, muss man die ansprechen. Aber man muss jedem einzelnen das Gefühl geben, hinter ihm zu stehen. Jeder wird mal Fehler machen. Aber man muss ihm auch dann den Rücken stärken. Und ich wünsche mir, dass auch meine Kollegen ihre Ressorts so führen. Diese Kultur haben wir bei Bayern München gut eingeführt. Ich glaube, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerne hier arbeiten. Das ist hier nicht nur ein sehr bekannter Arbeitgeber, der viele Erfolge hat. Sondern auch ein Arbeitgeber, der verantwortungsvoll mit allen und allem umgeht.

„Wir könnten sicher noch mehr Geld verdienen. Das ist nicht unser Ziel. Unser Ziel ist die Maximierung des sportlichen Erfolges“, sagte Jan-Christian Dreesen gerade erst auf der Jahreshauptversammlung 2017. Braucht der Club nicht maximale Einnahmen für den sportlichen Erfolg?

Meine persönliche Formel ist: sportlicher Erfolg – aber bezahlbar, ohne dass wir in finanzielle Schieflagen oder irgendwelche Abhängigkeiten geraten. Deshalb müssen wir schon zusehen, dass Umsatz und Gewinn sich positiv entwickeln.

Der Spiegel schrieb kürzlich: Künftig könne der FC Bayern seine Spieler nicht mehr aus dem Festgeldkonto finanzieren. Wie kann der FC Bayern denn künftig im Rennen um Topspieler mithalten?

Wir müssen – wie schon in den vergangenen 20, 30 Jahren – eine eigene Philosophie verfolgen. Wir können nicht Real Madrid, Paris oder Manchester City kopieren. Wir müssen im Scouting aggressiver werden, müssen früher noch als bisher Talent erkennen. Wir müssen den eigenen Nachwuchs noch systematischer schulen, was in unserem neuen FC Bayern Campus auch sehr gut möglich ist. Wir müssen am Transfermarkt kreativ und vernünftig sein. Dazu setze ich weiterhin auf das Financial Fairplay.

Ist das nicht eine stumpfe Waffe?

Leider wurde das Financial Fairplay von der UEFA zuletzt nicht mehr seriös eingefordert. Ich habe allerdings jetzt den Eindruck, dass der neue UEFA-Präsident Aleksander Ceferin ein starkes und glaubwürdiges Financial Fair Play 2.0 etablieren möchte mit der ECA. Das sollte dann auch mit der EU-Kommission abgestimmt werden, um es juristisch wehrhafter zu machen. Ich bin davon überzeugt, dass das am Ende des Tages gelingen wird. Die Neuausrichtung des Financial Fairplay muss auch dazu führen, dass die Erlösströme nach dem *„Fair-Value“-Prinzip geprüft werden. Denn nur wenn das gelingt, werden wir wieder eine rationalere, seriösere Fußballwelt haben als das im vergangenen Sommer der Fall war.
*(Fair Value: Bewertung z.B. einer Sponsorleistung zu Marktpreisen)

Gibt es für Sie eine Grenze der Vermarktbarkeit?

Ich verstehe die nostalgische Sichtweise der Fans, den Wunsch nach der guten alten Zeit ohne große Vermarktung. Wir müssen uns jedoch die Frage stellen, was wir wollen? Wollen wir erstklassig spielen? Wollen wir in einem wunderschönen Stadion spielen und nicht nur national, sondern auch international wettbewerbsfähig sein? Ich spiele gerne gegen Dortmund, Leipzig und Schalke, aber ich spiele auch wahnsinnig gerne gegen Barcelona, Paris oder Madrid.

Wir haben GoPro-Kameras an Weizengläsern, wir haben Anastacia in der Halbzeitpause. Muss der FC Bayern nicht aufpassen, dass da nicht überdreht wird?

Das ist grundsätzlich richtig. Wir gehen allerdings hier in der Bundesliga, im Vergleich zu England oder Spanien noch sensibel und bewusst mit diesem Thema um. Wir haben vielleicht auch nicht mehr die perfekte pure Fußballwelt, weil wir versuchen müssen, finanziell einigermaßen mit den europäischen Topclubs mitzuhalten. Aber ich habe kein Problem damit, wenn in der Halbzeitpause des Pokal-Finales in Berlin kein Music-Act stattfindet.

Und was Bayern betrifft: Anastacia oder Blaskapelle?

Man muss schon behutsam mit dem Thema der Eventisierung umgehen. Wir wollten ja beim letzten Heimspiel der Saison 2016/17 keinen internationalen Star präsentieren, um zu zeigen, wie global wir aufgestellt sind. Wir hatten in den Jahren zuvor schon auch Blaskapellen im Stadion.

Erleben Sie Emotionen auch im Business?

Wenn ich früher ein Tor geschossen habe, vor 80.000 Menschen im Olympiastadion, dann war das ohne Frage sehr emotional und ganz sicher emotionaler als heute einen Spieler zu verpflichten oder einen Sponsor unter Vertrag zu nehmen. Ein Tor schießen und die Bayernfans jubeln – es gibt wenig Besseres in der Welt. Leider kann ich selbst nicht mehr in der Allianz Arena spielen.

Können Sie Bayernspiele noch wie ein Fan schauen? Oder denken Sie bei Niederlagen an die wirtschaftlichen Auswirkungen?

Ich lebe das Spiel, ich gehe da total mit. Aber ich habe trotzdem mit den Auswirkungen von Siegen und Niederlagen zu leben. Aber erst nach dem Spiel. Schon vor Jahren habe ich mir vorgenommen: Wenn das einmal aufhört, dass du bei jedem Spiel voll mitgehst, dann ziehst du Konsequenzen.

Sie bewegen sich im irrationalen Fußball. Gleichzeitig wollen Sie möglichst rational und berechenbar handeln. Ist das für Sie problematisch oder eine Herausforderung?

Nein, ich finde es faszinierend zu versuchen, das irrationale Element im heutigen Fußballgeschäft zu beherrschen – indem wir möglichst rational dagegenhalten. Wir haben das Gegengeschäftsmodell zu Manchester City. Die kaufen, kaufen, kaufen, damit von zehn Spielern vier oder fünf einschlagen. Wir hingegen wollen, dass bei jedem Transfer das Verhältnis zwischen verlangtem Preis und Wertzuwachs für unseren Kader stimmt.

Treffen Sie auch Entscheidungen aus dem Bauch heraus?

Es gibt sicher andere Fußball-Manager, die mehr Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen als ich. Aber Fußball ist auch bei mir nicht nur Kopf, da muss auch der Bauch zustimmen. Es ist nicht immer alles berechenbar. Wenn du feststellst, dass alles, was du dir so schön auf dem Papier zurechtgelegt hast, nicht funktioniert, dann musst du auch mal Entscheidungen revidieren. Wichtig ist in meinem Job, nach bestem Wissen rational zu arbeiten. Aber auch zu erkennen, wenn etwas nicht mehr geht. Und da höre ich auch durchaus auf den Bauch.

In einem Interview mit der SZ über Ihre Uhren-Sammelleidenschaft, 2002 war das, erzählten Sie von Ihrer Glücksuhr, die Sie zu schwierigen Spielen tragen. Machen Sie das eigentlich immer noch?

Ich wechsle grundsätzlich die Uhr, wenn wir verloren haben! Schon als Spieler war ich abergläubisch. Ich habe immer erst den rechten Stutzen angezogen, dann den linken. Dann den rechten Schuh, dann den linken. Ich habe meine Stollen selbst gewechselt, das gehörte auch dazu. Das war alles Teil meiner Vorbereitung aufs Spiel. Ein Ritual. Und wenn es dann im Spiel gar nicht lief, habe ich das Ritual auch verändert.

Müsste es Ihnen als rationalem Menschen nicht egal sein, welche Uhr Sie zu welchem Spiel tragen?

Das ist nicht egal. Ich glaube ja dran. Das ist der irrationale Glaube, der wahrscheinlich in fast allen von uns schlummert und verlangt: „Mach es so oder so, denn du hast ja damit gewonnen.“ Vor kurzem in Leipzig im Pokal, das war für uns ein wichtiges Spiel für den Fortgang der weiteren Saison. Das fängt dann im Vorfeld damit an, dass ich mir genau überlege, was mache ich als erstes, was als zweites, was als drittes. Und wenn ich das alles so gemacht habe, dann gehe ich kurioserweise mit einem besseren Gefühl ins Stadion rein. Geht das Spiel dann so aus, wie es ausging, dann denke ich mir: „Der Tag war perfekt.“

Wovon träumen Sie noch, was den FC Bayern angeht?

Ich sag Ihnen, welche Träume sich schon erfüllt haben:
Der erste Traum ging 2005 bei der Eröffnung unseres Stadions in Erfüllung. Ich hatte vom ersten Tag an für ein eigenes Stadion und gegen den Umbau des Olympiastadions plädiert. Die Vorstellung, dass der FC Bayern München ein eigenes Stadion besäße, das habe ich mir als das Größte für unsere Fans, für den ganzen Verein vorgestellt. Und als ich dann erstmals in unser eigenes Stadion kam und es war rot beleuchtet, das war ein Weltklasse-Gefühl.
Der zweite Traum erfüllte sich 2013 mit dem Triple. Immer wieder habe ich in Champions-League-Endspielen als Gast in der zweiten Reihe gesessen, hinter den Präsidenten der teilnehmenden Vereine. Ich habe die Finalteilnehmer bewundert, Barcelona, Real, davor ManU. Das wollte ich mit dem FC Bayern erleben, Reihe 1, und als Krönung, wie unsere Mannschaft den Pokal erhält. Dieser Pokal hat ja eine wirklich besondere Aura. Und als uns das dann 2013 in Wembley so passierte, da fühlte ich mich wie Fred Astaire: I’m in heaven! Die Party danach war die schönste Party, die ich hier je erlebt habe. Die ging bis 5 Uhr morgens.

Und Sie bis zum Schluss dabei?

Ja, in einer wunderbaren Stimmung. Am nächsten Morgen mussten wir früh aufstehen, um den Flieger zu kriegen. Ich mache den Fernseher an, und was wurde gerade gezeigt: wie Arjen das Tor macht. Da wusste ich, dieser Tag fängt so gut an, wie der letzte aufgehört hatte.
Traum drei erfüllte sich, als Pep Guardiola zu uns kam, zum Triple-Sieger. Für Pep hätte das Triple ein Problem werden können, Erfolg macht bekanntlich auch satt. Doch wie Pep aus dieser Problematik heraus unsere Spieler auf ein noch höheres fußballerisches Niveau gebracht hat, dafür wurden wir plötzlich sogar auswärts respektiert. Die gegnerischen Fans klatschten uns Beifall. Da waren wir nun, im Olymp des Fußballs. Darauf waren wir im Verein alle sehr stolz. Und wir wollen da auch wieder hin, nach ganz oben. Das ist die schwierige Aufgabe, in einer Fußballwelt, die sich seit 2013 völlig verändert hat.

Ist das der vierte, Ihr vielleicht letzter Traum, noch einmal die Champions League zu gewinnen?

Klar, das wär’s. Bevor ich in den Ruhestand gehe, würde ich das schon gerne noch einmal erleben. Aber es wird sehr, sehr schwer.

Jupp Heynckes ist mit 72 Jahren noch Trainer. Sind auch Sie mit 72, also in zehn Jahren, noch Vorstandschef?

Nein, sicher nicht. Ich muss rechtzeitig erkennen, wann ich meine Aufgaben in neue, jüngere Hände legen sollte. Ich habe als Fußballer aufgehört, obwohl ich noch fit war. Ich habe bei der ECA nach zehnjähriger Präsidentschaft nicht mehr kandidiert, weil ich das bestimmte Gefühl hatte, dass es der richtige Zeitpunkt war, um anderen die Führung zu überlassen. 1977 habe ich hier das Ende der Ära Beckenbauer als Spieler von Bayern München erlebt. Die Zeitungen schrieben, dass es nun mit dem FC Bayern bergab gehen würde. Es gab genau vier schwierige Monate, leider auch mit einer Trainerentlassung. Aber anschließend ging es stetig wieder bergauf. Ich habe da immer einen Spruch: „Der Friedhof der Kuscheltiere derer, die sich für unersetzlich halten, ist viel zu groß.“ Am Ende des Tages ist jeder ersetzbar.

KHR Gespräch
Am Ende des Tages kann man mit Karl-Heinz Rummenigge sogar lachen.

„Am Ende des Tages“, wie kommt es eigentlich zur häufigen Verwendung dieser Floskel?

(lacht) Meine Frau sagt mir auch öfter: Sag mal ein bisschen weniger „am Ende des Tages“. Ich merke das selbst gar nicht mehr, wenn ich das sage. Jeder hat so seine Begriffe aus dem Phrasenschwein. Das ist eine meiner liebsten Phrasen.

Herr Rummenigge, vielen Dank für das Gespräch.

Grau ist jetzt silber ist das neue weiß. Ein paar Fakten zur emotionalsten Frage des Jahres.

Die Emotionen gehen hoch, seit dem im Vorfeld der Jahreshauptversammlung 2017 (Sportbild Leaks) herauskam, dass der FC Bayern für die Umgestaltung der Allianz-Arena eine grau-rot-graue Bestuhlung favorisiert.

Die Mehrheit der Bayern-Fans scheint rote Sitze zu bevorzugen. Da scheint auch nicht das auf den ersten Blick clevere Argument von Jan-Christian Dreesen zu ziehen, dass sich unser Stadion komplett in rot zum austauschbaren Klon neun anderer Bundesligastadien machen würde.

Im letzten Bayernmagazin sprach Karl-Heinz Rummenigge nun plötzlich von rot-weißen Sitzen: „Rot-weiße Sitze passen erstklassig zu rot-weißen Trikots. Und dieses Ensemble gäbe es dann exklusiv in München, nur beim FC Bayern.“

Beim Heimspiel gegen Hannover 96 wurde dazu direkt ein Banner hochgehalten, in dem gejubelt wurde: „Unser Kalle hats erkannt, grau gehört verbannt.“

Zu früh gefreut.

Rummenigge drückte sich missverständlich aus. Mit „weiß“ meint er das „grau“ der Allianz-Arena, das er, um die Verwirrung zu komplettieren, im Bayern-Magazin als „silberfarben“ bezeichnet.

Der Verein hat offenbar erkannt: Grau ist ein Reizbegriff, der besser vermieden wird. Wir Mitglieder und Fans sollen lernen: grau = silber = weiß.

Unabhängig von den Vorstellungen des FC Bayern, die glücklicherweise „noch längst nicht in Stein gemeißelt sind“ (Rummenigge), könnte eine tatsächlich rot-weiße Kombination doch wirklich eine schöne, einzigartige Lösung bieten.

Weiße Sitze gibt es ja auch bereits: im schmucken Stadion von Juventus Turin, 2011 fertiggestellt. Wenn weiße Sitze dort funktionieren, müsste das doch auch in der Allianz-Arena möglich sein. Dachte ich mir und wollte es genau wissen.

Das Architekturbüro des Turiner Stadions

Ich schrieb das Architekturbüro „gauarena“ des Turiner Stadions an und fragte nach der Beschaffenheit der Sitze. Die Antwort der Architekten:

„For the Juventus Stadium we cooperated closely with Juventus Turin and the manufacturer to have a product that shall be elegant, beautiful, safe and very comfortable, according with UEFA and FIFA standards. The finishing of the seats makes them easy to clean.“

Über Twitter erhielt ich ein Foto vom Innenraum. Zu sehen sind Sitze in mattem, gedeckten weiß. Interessanterweise sieht diese Farbe aus der Stadiontotale heller aus als aus der Nähe. Eine mögliche Lösung für den FC Bayern?

Der Hersteller der Allianz-Arena-Sitze

Ich schrieb ebenfalls den Hersteller der Sitze der Allianz-Arena an. Für die EHEIM Möbel GmbH antwortete mir der Geschäftsführer, Frank Eheim:

„In Sachen Farbbeständigkeit ist silbergrau nach wie vor unübertroffen. Obwohl wir die bestmögliche Kombination aus Brandschutz und UV-Beständigkeit erreichen, lässt es sich nicht vermeiden, dass rot über die Jahre hinweg an Leuchtkraft verliert und weiß hingegen einen Gelbstich bekommen kann.
Die Sitze werden nicht beschichtet oder lackiert, sondern werden aus durchgefärbtem Kunststoff hergestellt. Die genannten Alterungsprozesse sind unvermeidbar und werden auch in Turin auftreten.
Obwohl weiße Sitze natürlich auch gereinigt werden können, sind helle Farbtöne grundsätzlich schmutzempfindlicher.
Das andere Problem ist das knappe Zeitfenster, da die Umbaumaßnahme während der kommenden Sommerpause abgeschlossen werden soll.“

Weiß scheint also technisch machbar zu sein, der Hersteller warnt jedoch vor Verfärbungen. Hier wäre dann die Frage, ob man möglichst viele rote Sitze einbaut und zum Beispiel nur schmale Linien, eventuell eine oder zwei Sitzreihen breit, in weiß dazwischensetzt. In so einer Gesamtoptik sollte selbst eine mögliche Verfärbung des Weißtons nicht weiter auffallen.

Was tun? Ich empfehle dem FC Bayern eine Mitgliederbefragung.

Zur Auswahl sollten drei Design-Entwürfe stehen. Alle finanzierbar und in der Sommerpause umsetzbar:

  • ein rot-grauer Entwurf
  • ein roter Entwurf
  • ein roter Entwurf mit geringem Weiß-Anteil

Die Mehrheit der Mitglieder entscheidet über den favorisierten Entwurf. Idealerweise geht das ganze bis Mitte Januar über die Bühne, damit der Hersteller noch genügend Zeit hat, die Sitze zu produzieren.

Die Befragung würde den Mitgliedern das Gefühl geben, bei einer so emotionalen Frage, die Heimat betreffend, mitentscheiden zu dürfen. Ich halte das gerade in aktuellen Zeiten des zunehmend distanzierten Fußballgeschäftes für ein wichtiges Signal.

Und die alten Sitze?

Es ist richtig, dass aus Umweltschutzgründen das Stadion grau bleiben müsste. Ein Austausch intakter Sitze ist eigentlich ein Wahnsinn. Dieser Wahnsinn müsste wenigstens dadurch abgemildert werden, dass die Sitze entweder für einen guten Zweck verkauft (zum Beispiel an Dauerkarteninhaber) oder für einen nicht minder guten Zweck verschenkt werden. Nämlich an kleine Amateurvereine in ganz Deutschland, die sich über kostenlose, hochwertige Originalsitze eines WM-Stadions freuen würden. Mir ist klar, dass das einen hohen organisatorischen und logistischen Aufwand bedeuten würde. Aber die Alternative – die Sitze einfach wegzuschmeißen – kann keine sein. Ganz gleich ob „nur“ 10.000 Sitze ausgetauscht werden, oder alle.

Die Umstellung auf Mehrweg in der Allianz-Arena: Keine Investition in Titel, sondern ein wichtiges Statement.

Als vor einem Jahr bei der Jahreshauptversammlung 2016 des FC Bayern Uli Hoeneß gerade gefühlt einstimmig wieder zum Präsidenten gewählt worden war, stellte ich mich ans Podium. Neben mir Vorstand und Präsidium, vor mir etwa 5.000 Vereinsmitglieder.

Zum Thema der „Werte des FC Bayern“ verlas ich einen Katalog an Wünschen, Forderungen und Vorschlägen, für den es überraschend viel Applaus von vorn gab. Rechts sah ich einige irritierte Gesichter. Irritiert von einem Mitglied, das weder Freibier noch rote Trikots noch rote Sitze forderte? Sondern sein satzungsgemäßes Recht wahrnahm, substanzielles zur Politik des Vereins (und damit der AG) zu sagen, der mehrheitlich den Mitgliedern gehört?

Uli Hoeneß reagierte dennoch freundlich und kündigte interne Beratungen zu meinen Wünschen an. Man würde sich melden. Er hielt Wort.

Heute steht fest, dass der FC Bayern in der Allianz-Arena auf ein umweltfreundliches Mehrwegsystem umstellt. Ob das etwas mit meiner Initiative zu tun hat, oder schon längst geplant war – um es nach Auszug der 60er umzusetzen – vollkommen egal. Die Tatsache als solche freut mich sehr und dafür bedanke ich mich bei allen Beteiligten von Vorstand, Verein und Stadiongesellschaft.

 

Die Umstellung auf Mehrweg kostet den Verein zunächst einmal Geld. Sie bringt dem FC Bayern weder Siege, noch Titel. Und dennoch macht der FC Bayern das. Weil die Vereinsführung eine soziale Verantwortung übernimmt für ihr Handeln. Das ist vorbildlich – und ein Statement. Dass der FC Bayern nicht alles dem wirtschaftlichen Erfolg unterordnet. Sondern dass hier offenbar doch auch noch andere Werte zählen.

Ein wichtiger Schritt. Weitere sollten gegangen werden. Wie wärs, wo wir schon beim Umweltschutz sind, mit Ökostrom in der Allianz Arena, am Nachwuchsleistungszentrum und an der Säbener Straße? Was ist aus den Plänen geworden, an der Allianz Arena ein klimaschonendes Blockheizkraftwerk zu bauen? Für den FC Bayern als Partner der „bayerischen Klima-Allianz“ kann es hier nur heißen „weiter immer weiter“.

Dass es auch im jetzigen Winter nach Katar geht, ist selbst unter der Annahme, dass dort ein kritischer Dialog geführt und erfreulicherweise mit der Frauenfußballmannschaft ein Zeichen für die Gleichberechtigung gesetzt wird, weiterhin nur schwer zu akzeptieren.

Soweit zur Gegenwart.

Viele Mitglieder, denen der FC Bayern am Herzen liegt, beschäftigt die zukünftige Ausrichtung unseres Clubs.

Wie gelingt der Spagat zwischen der Verbundenheit zur heimischen Basis und der fortschreitenden Internationalisierung?

Wie weit soll der FC Bayern beim durchdrehenden Fußballkapitalismus mitmachen? Was soll dafür geopfert werden?

Bis hin zu scheinbar trivialen Fragen wie: Anastacia oder Blaskapelle? Kameras an Weizengläsern? Spontan oder gescriptet feiern?

Viele Mitglieder haben eine Meinung zur Zukunft des FC Bayern. Wäre es nicht wichtig, diese Meinung zu erfahren? Wäre es nicht gut, wenn mehr Mitglieder von ihrem Recht Gebrauch machen und sich bei den Jahreshauptversammlungen äußern würden?

Wann, wenn nicht dann, kann man als Bayern-Mitglied seine Meinung sagen – und Vorstand und Präsidium hören sich das an?

In den letzten 12 Monaten habe ich erfahren: Als Mitglied ist man mit konstruktiver Kritik durchaus willkommen.

Aufs Podium geht’s, Ihr Roten!

111 Gründe für den FC Bayern. Und einer mehr.

Es gibt 111 Gründe Angeln zu lieben. 111 Gründe für den FC 08 Homburg! 111 Gründe, Wien zu hassen (mir ist schleierhaft, wie man auch nur einen Grund finden kann, diese wunderbare Stadt nicht zu lieben). Aber auch 111 Gründe, ein Haus zu bauen, seine Kinder auf den Mond zu schießen, Yoga zu machen, Vegetarier zu sein, sich selbst zu lieben, München zu hassen, Wolfsburg (ja, Wolfsburg!) zu lieben. Es gibt 268 Treffer bei Amazon, wenn man nach Büchern sucht, die 111 Gründe für oder gegen irgendetwas aufführen. Das erste (und letzte) dieser Reihe habe ich gelesen:

Rot und weiss ein Leben lang. 111 Gründe für den FC Bayern München.

Das Buch geht seit Anfang November durch meine Timeline bei Twitter. Es wurde geschrieben von Felix Haselsteiner (@felixHa18) und Justin Kraft (@LahmsteigerDE). Zwei Autoren des zurzeit besten Bayernblogs miasanrot.de

Ich schätze den Blog sehr für seine Vorberichte und Spielanalysen. Durfte selbst dort schon was veröffentlichen zur Vereinspolitik des FC Bayern. Und weil ich den Blog und die Beiträge der Buchautoren schätze, habe ich ein Buch gekauft, das ich sonst nie gekauft hätte. Ich sollte es nicht bereuen.

Die Autoren beschreiben den FC Bayern aus ihrer Sicht in allen denkbaren und undenkbaren Facetten (ich selbst wäre niemals auf 111 Gründe gekommen). Sie sind mit 22 und 24 Jahren ungefähr halb so alt wie ich. Es ist sehr interessant, hier einen Einblick in die Gedankenwelt junger Bayernfans zu kriegen. Die vermutlich rund um die Jahrtausendwende mit dem Bayernvirus infiziert wurden. Vielleicht im Jahr der Schmach von Barcelona? Oder zwei Jahre später zum CL-Titel gegen Valencia? Wie auch immer: Die frühen 80er Jahre, meine Zeit der Fan-Werdung, Augenthaler, Nachtweih, Breitner, Dremmler, Pflügler kennen sie nur vom Hörensagen. Die teilweise gruseligen 90er, wo der FC Bayern phasenweise wahnwitzige Trainerentscheidungen traf und irrsinnige Transfers tätigte, mussten sie nicht erleiden. Somit wird es für Fans unterschiedlicher Generationen nicht nur unterschiedliche Gründe geben, den FC Bayern zu lieben. Sondern würden selbst manch identische Gründe unterschiedlich beschrieben werden.

Beispielsweise Grund 30: „Weil der FC Bayern Fehler immer schnell korrigiert.“

Hier werden die vernünftigen Trainerwechsel seit der Fehlentscheidung Klinsmann herangezogen. Aber ich erinnere mich noch mit Grausen daran, wie der Fehler der Heynckes-Entlassung mit dem Fehler Sören Lerby mit dem Fehler Erich Ribbeck korrigiert wurde.

Das Buch bohrt also nicht allzu tief im Unrat der Vergangenheit, es beleuchtet die Gegenwart, die Zeit der letzten 10 Jahre etwa und schaut auch in die Zukunft. Und das ist für mich der stärkste Teil eines lesenswerten Buches über den FC Bayern:
Die Autoren schaffen den Spagat, als „Grund für“ zu formulieren, was beim FC Bayern gegenwärtig eigentlich zu kritisieren ist:

Grund 63: „Weil man beim FC Bayern Werte vorgelebt bekommt.“

Grund 64: „Weil der FCB als Weltmarke familiär geblieben ist.“

Grund 69: „Weil der Club trotz aller Erfolge auch für Menschlichkeit steht.“

Diese Gründe habe ich mit größtem Interesse gelesen. Ich will nicht spoilern, lest selbst, wie die Autoren es schaffen, hier nachvollziehbare Begründungen zu liefern, ohne sich dabei zu verbiegen.

Beim Lesen des Buches hab ich darüber nachgedacht, was eigentlich mein „Grund“ ist, der für den FC Bayern spricht. Dabei kann es nicht darum gehen, aus welchem Grund man Bayern-Fan ist. Weil das Fan-Dasein zumeist ja keine rationale Ursache hat. Aber was ist Grund 112 aus meiner Sicht? Was spricht im Jahr 2017 für den FC Bayern?

Der FC Bayern ist für mich der faszinierendste und spannendste Club Europas, weil ich hier komprimiert das ganze Faszinosum und Dilemma, das ganze Drama, die Schönheit und Hässlichkeit, die Abgründe und die Höhen des heutigen Fußballs erleben kann. Der Club ist ein mittelständisches Unternehmen das Weltkonzern sein will. Patriarchalisch geführt, von Global Playern unterstützt, bestens vernetzt im Weltfußball, dessen Auswüchse vom Verein beizeiten kritisiert und gleichzeitig geschickt genutzt werden. Der FC Bayern kämpft glaubwürdig für einen eigenen Weg in Europas Elitezirkel. Will heimatverbunden bleiben, will die Fanbasis nicht verlieren. Will die Champions League gewinnen, ohne den entsprechenden Transferwahnsinn komplett mitzumachen. Will bestimmte Werte vorleben, will aber auch keinen Euro verlieren, der in Katar und China verdient werden kann. Nicht alles wirkt bei diesem Dauerspagat durchdacht, mit Strategie hinterlegt. Das kann und muss man kritisieren. Doch gleichzeitig kann man auch etwas Charmantes in diesem Unperfekten finden. In jedem Fall erkennt man ein aufrichtiges Bemühen für einen eigenen Weg. Den FC Bayern auf dieser Reise zu beobachten, zu begleiten und wenn möglich als Mitglied auch zu beeinflussen – das ist mein Grund 112 für den FC Bayern.

Das mia san mia Fanomen

Sie hüten ihre Glücksbringer-Trikots wie Schätze, sie zeigen bei Niederlagen mehr Emotionen als ihre Ehefrauen sonst von ihnen erleben, sie treffen sich mit Freunden in Kneipen, um ihren Verein zu sehen, sie verlieben sich in Spieler, sie verdammen den Schiedsrichter und verstehen nicht, wie andere nicht ihren Club genauso lieben wie sie. Das ist das Fan-Ding, so wie wir es kennen. Das ist die Liebe zum Fußballverein, wie sie die Dokumentation „Das mia san mia Phänomen“ zeigt (hier anschauen: http://www.dw.com/de/fc-bayern-münchen-dokumentation/a-40525205).

Doch diese Fans, deren Verhalten uns allen bekannt vorkommt, leben nicht in Bayern oder in Deutschland. Sondern in Rio de Janeiro, Nazareth, New York und Fukuyama. Sie verstehen sich als Teil der Familie des FC Bayern. Sie sind die wahren Helden dieses Films. Einer Auftragsarbeit von Niels Eixler und Manuel Vering für die Deutsche Welle.

Deutsche Welle! Das klingt nach Anspruch, nach kritischem Journalismus. Nach Bildungsfernsehen, finanziert mit Steuergeldern, das Menschen weltweit Deutschland in seiner Vielfältigkeit nahebringen soll. Es gibt sogar ein „Deutsche-Welle-Gesetz“, nach dessen Paragraphen 4 „Deutschland als europäisch gewachsene Kulturnation und freiheitlich verfasster demokratischer Rechtsstaat verständlich zu machen“ ist.

Meine Erwartungen waren hoch. Einen Film über meinen Verein, in Kinofilmlänge, der nicht von einem Sportsender oder gar vom clubeigenen fcb.tv produziert wurde.

Nach 58 Sekunden habe ich zum ersten Mal eine Gänsehaut. Die Bilder von Wembley, der unfassbar sympathische Sammy Kuffour mit ebenso sympathischem Bauchansatz am Pool seiner Villa in Ghana, der Kung-Fu-Sprung von Oli Kahn, ganz fairer Sportsmann Zentimeter an Heiko Herrlich vorbeigezielt, die Wucht der Ultra-Gesänge in den Straßen von Madrid: wow.

Ich lasse mich einfangen von den Bildern, genieße die Emotionen, vergesse meine ursprüngliche Erwartungshaltung. „Ich hau Dir aufs Maul!“ denke ich noch einmal, als ich erstmals wieder nach 30 Jahren Juanitos Tritt ins Gesicht von Matthäus sehe. „Scheiße ist das schlecht verteidigt“ rufe ich, als Solskjaer 1999… Ich falle in Gedanken noch einmal auf die Knie, als Oli 2001 den dritten Elfmeter von Valencia abwehrt – und bleibe gleich am Boden, um Schweinsteiger nach seinem Fehlschuss im Finale Dahoam zu trösten.

Ein toller Film, für Fans. Und das „mia-san-mia-Phänomen“? Naja, an einer Interpretation des mia san mia beim FC Bayern ist noch jeder gescheitert. Auch dem Film gelingt es nicht, trotz einer Reise von 50.000 Kilometern um die Welt auch nur in die Nähe einer guten Erklärung zu kommen. Hier die Versuche der gefragten ehemaligen Spieler und Trainer:

Bulle Roth:
„Uns zieht keiner die Lederhosen aus. Mia san mia, mia san die Bayern. Wir halten zusammen. Bei uns bleibt alles in der Familie. Uns kann keiner schlagen.“

Uli Hoeneß:
„Um das mia san mia zu verstehen und zu erleben, muss man die bayerische Kultur kennen.“

Carlo Ancelotti:
„Mia san mia ist eine starke Botschaft der Zusammengehörigkeit.“

Oliver Kahn:
„Mia san mia ist die Beschreibung einer Kultur. Die man erst als Spieler lernen muss. Nichts großkotziges. Bedeutet auch im Erfolg eine Demut zu bewahren. Aber auch: Wir können alles gewinnen.“

Giovane Elber:
„Du darfst nicht zufrieden sein, wenn Du was gewonnen hast. Du musst immer wieder etwas gewinnen. Mia san mia – das bedeutet wir sind eine Familie. Sogar mehr als eine Familie.“

Sammy Kuffour:
„Mia san mia? Das kann ich nicht beschreiben.“

Philipp Lahm:
„Mia san mia ist ein Gefühl. Es zeigt das Selbstverständnis des ganzen Vereins, immer maximalen Erfolg haben zu wollen. Was bedeutet es, beim FC Bayern zu sein? Was ist die Kultur, was sind die Werte, die der FC Bayern transportiert? Ich glaube, dass das sehr sehr wichtig ist. Und dann kann sich auch jemand von weit weg eingliedern in diese Gemeinschaft.“

Zusammengefasst: mia san mia hat aus Spielersicht also etwas mit Bayern, mit Familiensinn und ganz viel mit Erfolg und Siegeswillen zu tun. Die Süddeutsche Zeitung klärt über die Herkunft auf: mia san mia“ ist ein Spruch aus Österreich. „Im Materialarchiv des Bayerischen Wörterbuchs findet sich ein Hinweis auf das k.-u.-k. Hoch- und Deutschmeister Regiment Nr. 4 in Wien, …. In der Zeitschrift Wiener Studien von 1891 wird der Gesang der Deutschmeister zitiert: „Mir san mir – von Numero vier, …“

 

Zurück zum Film, in dem die 23jährige Camila Borborema aus Rio de Janeiro verblüffend abgezockt ihre Version des mia san mia erklärt:

„Zum Fußball gehören auch Geld, Investitionen und Management. Das ist der wahre Fußball. Es ist eben ein Unternehmen. Und wenn ich diese Dynamik begriffen habe, dann habe ich verstanden, worum es beim FC Bayern geht. Mia san mia ist für mich alles, was ein Fußballverein sein muss. Für mich ist das der FC Bayern in Perfektion.“

Vielleicht ist das die Stärke des „mia san mia“: Jeder Fan auf der Welt kann den Spruch für sich interpretieren. Ein Fanomen. Eine Hose, die jedem passt. Aber auch eine Hose, die merkwürdig beliebig daherkommt. Vielleicht ist das mia san mia wie die bayerische Lederhose, die längst weltweit zur Folklore verkommen ist.

Etwas zu viel Zucker. Als der Film zu Ende geht, fühle ich mich wie nach einer übergroßen Portion meiner Lieblingsschokolade. Ich habe Heißhunger nach einem scharfen Curry, oder irgendwas mit Zwiebeln. Denn der Film zeigte ausschließlich und untermalt mit elegischen Klängen die glänzende Seite des FC Bayern. Kein Wunder, wenn man ausschließlich Fans zu Wort kommen sowie verdiente Ehemalige und Uli Hoeneß in der Vergangenheit schwelgen lässt.

Die Dokumentation erfüllte nur einen Teil meiner Erwartungen: Die positiven Seiten der Internationalisierung des FC Bayern, seine weltweite Strahlkraft wurden eindrucksvoll vermittelt. Doch in der ganzen Süße fehlte das Salz.

Kein Wort zu Katar. Kein Wort zu den geschäftlichen Verbindungen nach China – die immer auch geschäftliche Verbindungen mit der dortigen Regierung sind. Was ist mit dem Spagat, den der FCB schaffen will zwischen Heimatverbundenheit und weltweiter Vermarktung? Wo überzieht der Club, wo vergisst er seine Werte? Welche Werte sind das überhaupt, die Kahn und Lahm ansprechen? Die Zerrissenheit, einerseits wohltätig zu sein, andererseits auf der fußballkapitalistischen Welle ziemlich unkritisch mitzuschwimmen – wurde überhaupt nicht thematisiert. Dabei ist das aktuell das eigentliche Spannungsfeld, in dem der Club sein mia san mia leben will. In dem er einiges richtig macht, aber auch immer wieder scheitert.

Die taz fragt zurecht: „Wie wäre es mit einem Film über die Schwierigkeiten eines wachsenden Fußballunternehmens, die immer schon dagewesenen Fans dahoam ebenso zu beglücken wie die neuen Kunden in Fernost? Wir wäre es mit einem Film, der nicht auch auf fcbayern.tv laufen könnte? Wir wäre es mit Journalismus?“

Fragen, die auch ich nach dem Film habe – und über die ich mit Regisseur und Autor Niels Eixler gesprochen habe:

Ihre Dokumentation wirkt wie ein Projekt, das auch das vereinseigene FCB.TV in Auftrag hätte geben können. Was war das Motiv, im Namen der Deutsche Welle solch eine unkritische, geradezu rosarote Dokumentation zu drehen?

Niels Eixler:
Die Deutsche Welle beauftragte mich mit einem Fußballfilm. Konkret sollte es ein Film über den FC Bayern werden. Ich wollte hier gerade nicht ein investigatives Erklärstück machen, wo am Ende keine Fragen offen bleiben. So etwas macht die Deutsche Welle sonst – übrigens auch zu Fußballthemen. Hier ging es mir um die Darstellung der Emotionen von Fans in aller Welt. Emotionen im Kinoformat. Das war mein Motiv für diesen Film

Wäre es aber dennoch nicht zwingend notwendig gewesen, auch die Schattenseiten der Internationalisierung des FC Bayern zu thematisieren?

Niels Eixler:
Von außen betrachtet, haben Sie vollkommen Recht. Die Frage drängt sich auf. Doch diese Seiten passten einfach nicht in die Story, die ich im Kopf hatte. Wenn Sie einen Film planen, haben Sie ja eine Geschichte im Kopf, die Sie erzählen wollen. Sie besetzen Rollen, die zur Geschichte passen.

Und ein Arbeiter aus Katar war da nicht vorgesehen?

Niels Eixler:
In diesem Film nicht. Wobei es absolut eine eigene Dokumentation wert wäre, das ganze internationale Fußballgeschäft auch von diesen dunklen Seiten her zu beleuchten.

Einer der Fans im Film ist ein Palästinenser, der in Nazareth lebt. Wäre es hier nicht interessant gewesen, die Vereinshistorie um den jüdischen Präsidenten Kurt Landauer anzusprechen?

Niels Eixler:
Im Bundesliga-Magazin „Kick off“ der Deutschen Welle haben wir der Landauer-Thematik viel Platz eingeräumt. So haben wir im Jahr 2014 die Schickeria München begleitet zur Preisverleihung des Julius-Hirsch-Preises und mit einem Filmbeitrag unseren ausländischen Zuschauern vermittelt, wer Kurt Landauer für den FC Bayern war. In der Dokumentation jetzt habe ich dafür keinen Platz gesehen.

Wenn man sich die Dokumentation anschaut, hat man das Gefühl, das etwas fehlt an der Darstellung des FC Bayern. Wie sehen Sie das?

Niels Eixler:
Sie können natürlich mit keinem einzelnen Film einen Verein wie den FC Bayern mit seiner 117jährigen Geschichte vollständig abbilden oder gerecht werden. Ich finde das eigentlich genau richtig, dass der Film die von Ihnen beschriebenen Lücken hat. Die Menschen sollen aus dem Film kommen und dann am besten darüber diskutieren. Ist das der ganze FC Bayern? Was bedeutet dem Einzelnen das „mia san mia“? Wenn die Fans darüber ins diskutieren kommen, wäre ich zufrieden.

Herr Eixler, vielen dank für das Gespräch!

 

Nachtrag:
Mein Lieblingsprotagonist im Film ist der Vater eines Jugendspielers der ersten japanisch-deutschen Fußball Akademie. Die wurde im April 2012 gegründet mit Unterstützung des FC Bayern und einer Großwerft (!), der Tsuneishi Group in Fukuyama. Bemerkenswert, welche Blüten die Internationalisierung so treibt. Aber gut, anderes Thema. Jedenfalls gibt es 9.161 Kilometer von München entfernt nun einen Fußballverein, offizielles Mitglied der Japan Football Association, der tatsächlich „FC Bayern Tsuneishi“ heißt. Eins der großen Talente dort ist Kanata Tokumotu aus der U15 Japan-Auswahl. Auch sein Vater wird nach dem mia san mia gefragt. Er lächelt und antwortet mit seiner eigenen Philosophie:

„Sich für alle bemühen. Weil man nicht allein lebt. Deshalb sollte man nicht nur an sich selbst, sondern auch an andere denken.“

Könnte das nicht auch ein Teil des „mia san mia“ werden?

Bayern-Fans wählen nicht rechtsradikal.

In wenigen Tagen ist Bundestagswahl und deshalb komme ich schnell zur Sache:
AfD wählen (oder welche rechtsradikale Partei auch immer) und gleichzeitig Fan des FC Bayern sein ist unvereinbar.

Die meisten Leser wissen was ich damit meine, die können sich direkt wieder ausklinken. Für alle anderen ein paar Worte zur Erklärung:

Der FC Bayern wird auch in dieser Woche wieder eine Gruppe junger Flüchtlinge mit einem Bus aus ihren Unterkünften abholen und zur Säbener Straße fahren. Dort werden sie die Rasenplätze nutzen, unter fachkundiger Anleitung Fußball spielen, wahrscheinlich noch ein leckeres Essen bekommen – und dann wieder zurück gefahren. Das macht der FC Bayern bereits seit zwei Jahren. Woche für Woche. Er fing damit an, als die Stimmung in Deutschland aufgeschlossener (im wörtlichen Sinne) war. Und er hörte nicht damit auf, als die Stimmung sich bei manchen Menschen drehte. Er tut das nämlich aus Überzeugung, als sein Beitrag zur Integration.

Beim Heimspiel gegen Anderlecht, so wurde es mir zugetragen, hat der FC Bayern nicht verkaufte Tickets an Flüchtlinge verschenkt. Wohl auch nicht zum ersten Mal.

Das ist unser Club, wie wir ihn lieben. Und das ist der Club, wie ich – und wohl die meisten Bayernfans und -mitglieder ihn sich auch wünschen.

Der FC Bayern ist schon aufgrund seiner historischen Erfahrung tolerant und offen gegenüber allen Menschen. Du musst einfach ein verdammt guter Kicker sein, um beim FC Bayern willkommen zu sein. Wer Du als Mensch bist, wo Du herkommst, woran Du glaubst, wen Du liebst – ist egal. War immer egal. Der Club hat bereits in den ersten Jahrzehnten nach Gründung von den Einflüssen ausländischer Trainer und Spieler profitiert. Seine Weltoffenheit machte ihn erfolgreich. In der Zeit der Nazis litt der FC Bayern stark unter den Faschisten. Die Geschichten um Kurt Landauer muss ich hier nicht noch einmal ausführen.

Wir lieben den Moslem Franck Ribéry. Wir wollen Nachbarn von Boateng sein. Wir feierten jeden gewonnen Zweikampf von Hamit Altintop. Wir schwärmen heute noch von der Leidenschaft, mit der Hasan Salihamidzic, Flüchtlingskind aus Jablanica, Bosnien-Herzegowina für unseren Club die Knochen hingehalten hat.

Der AfD geht das alles gegen den Strich. Sie würde Nationalspieler am liebsten nach Hautfarbe und Religion nominieren. Sie will jeden Flüchtling eher heute als morgen wieder loswerden. Und übrigens, meine Meinung, verarscht sie ihre Wähler nach Strich und Faden. Weil sie nur vorgibt, sich für deren tatsächliche Probleme zu interessieren.

Wer der AfD oder anderen rechtsradikalen Parteien seine wertvolle Stimme gibt, wählt rassistische, engstirnige, spießige, biedere, kleingeistige, primitive, machtgeile, rückwärtsgewandte, kulturlose, respektlose, dummdreiste, mit Verlaub Arschlöcher.

 

Was man als Fan des FC Bayern damit zu tun haben sollte?

Wenn Du ehrlich zu Dir bist: Gar nichts!

 

Inspiriert von einem Aufruf im Schalker „koenigsblog.net“ von @TorstenWieland (http://koenigsblog.net/2017/09/21/schalker-sein-und-bleiben-keine-stimme-der-afd/)

„Der Bayern way of life.“

„Wir müssen unseren eigenen Weg finden. Transfers nicht um jeden Preis. Sondern kluge Transfers. Irgendwann wird sich durchsetzen, dass nicht Geld entscheidet, sondern kluge Strategie.“

Wahre Worte von Uli Hoeneß am 24. Juli 2017 bei einem Pressegespräch. Nicht nur die normalen Fußballfans sind aufgewühlt von dem 220 Millionen Deal mit Neymar, finanziert durch Katar. Der Präsident des FC Bayern ist es auch. Geld aus dem Fenster rauszuwerfen hat den Fußball-Kaufmann der ersten Stunde schon immer angewidert. Egal ob 40.000 DM oder 40 Millionen Euro: Rentieren sollte sich ein Transfer schon. Sei es durch sportlichen Erfolg, erhöhten Merchandising-Absatz oder gewinnbringenden Weiterverkauf.

Am 31. Juli 2017 legt Hoeneß nach: „Wir müssen einen neuen Weg gehen. Weg von diesen 100 Millionen Transfers. Zurück zu den Wurzeln. Wir wollen das ‚Mia-san-Mia‘-Gefühl im Verein stärken.“

Es ist der Tag der Verkündigung des neuen Sportdirektors. Hasan Salihamidzic ist eine Personalentscheidung nach Hoeneß’ Geschmack. Ein verdienter Ex-Spieler mit Stallgeruch, der aus einfachen Verhältnissen kommt, sich „alles hart erarbeiten musste“ und „für gute Stimmung sorgt“. Diese Stellenbeschreibung, die in ein paar Jahren auch auf Franck Ribery, einen anderen Hoeneß-Liebling, passen würde, macht Salihamidzic, das Bürschchen, also zum idealen Sportdirektor mit weitreichenden Befugnissen: „Bindeglied zwischen Mannschaft und Trainer, Mannschaft und Vorstand. Bei allen Transferentscheidungen mit am Tisch. Koordinator der Nachwuchsförderung. Chef von Kaderplaner Reschke.“

Soviel Macht bei einem Newcomer im Haifischbecken Fußballbusiness? Philipp Lahm wird die Pressekonferenz nicht minder erstaunt angeschaut haben als ich.

Der neue Weg, der „Bayern way of life“ wie Hoeneß kurz darauf im Gespräch mit Wontorra formuliert, ist also gar nicht so neu. Back to the roots zu diesem ominösen „mia san mia“, das vom Verein scheinbar immer dann wie ein Joker aus dem Ärmel gezogen wird, wenn die Fanbasis beruhigt und die Heimatseele gestreichelt werden soll. Das einzig konkrete, was Hoeneß bei Wontorra zum “ Bayern way of life“ sagte: „Die Wärme, die Familie – das ist die Antwort des FC Bayern auf die Neymars und Dembélés dieser Welt.“ Aber das kann höchstens ein kleiner Teil der Antwort sein.

Was treibt Hoeneß eigentlich dazu, diesen „neuen Weg“ in die Vergangenheit zu suchen? Ist es wirklich nur der Transferwahnsinn, der ihn stört? Sein unsouveränes Nachtreten gegen Matthias Sammer und die Retro-Personalentscheidungen mit Gerland als NLZ-Chef, Sagnol als Co-Trainer und Brazzo als Sportdirektor können kaum als Reaktion auf durchdrehende Scheichs in Paris und Manchester gesehen werden.

Irgendetwas scheint Hoeneß am FC Bayern der Jahre 2014-2016 gestört zu haben. Das waren die Jahre unter Guardiola, Sammer und Reschke. Und es war die Zeit, in der die Rattanmöbel in Hoeneß’ Büro verwaist waren.

Nur so kann ich mir diese Vehemenz erklären, mit der sich Uli Hoeneß nach dem guten alten FC Bayern sehnt. Als noch ein Anruf von ihm genügte, um Top-Nationalspieler an die Säbener zu holen. Als der Ehrgeiz des FC Bayern sich noch in den Grenzen der Bundesliga hielt und man alljährlich mit dem Viertelfinale der Champions League zufrieden war. Dann wartete ohnehin der AC Milan mit Inzaghi – aber lassen wir das. Die Jahre 1999 und 2001 mit den CL-Finals musste man als Ausrutscher nach oben werten. Europas Elite – das war nicht der Zirkel, in dem der FC Bayern sich bewegte. Schon damals war Hoeneß nicht bereit, mehr als mittlere Wahnsinnssummen (im europäischen Maßstab) zu bezahlen.

Dieses im Rückblick beschauliche Vereinsleben änderte sich nach dem historisch einschneidenden Lahm-Interview in der SZ. Der kritisierte nämlich genau diesen „Bayern way of life“ der philosophielosen und impulsgesteuerten Spieler- wie Trainerauswahl. Damit konnte man zwar meistens die Bundesliga dominieren, aber in der CL nicht wirklich was reißen.

Und in einem lichten Moment der Vereinsgeschichte zeigte Hoeneß sich noch einmal als der Visionär, der er – bis dato vor allem vermarktungsmäßig – war. Mit Louis van Gaal und den in dieser Form unwiederholbaren Transferglücksgriffen Ribery und Robben und den in der Summe unwiederholbaren Eigengewächsen Müller wie Alaba, mit Kroos, Schweinsteiger und Lahm begann die erfolgreichste Phase der Vereinsgeschichte. Erstmals gab es den kontinuierlichen, planmäßigen Auf- und Ausbau einer Spielidee. Mit abruptem Erfolg des CL-Finals 2010, in gefestigter Form mit den Finals 2012 und 2013, mit dem Triple. Und dann, auf dem Höhepunkt in 113 Jahren FC Bayern, mit der Verpflichtung von Pep Guardiola. Der es schaffte, eine Triple-Mannschaft spielerisch und taktisch noch einmal weiterzuentwickeln. Auch wenn ihm die Wiederholung des CL-Erfolgs misslang.

War das alles so schlecht, dass man nun „zurück zu den Wurzeln“ muss? Ich verstehe es nicht. Ich verstehe Hoeneß hier nicht. Ich verstehe den FC Bayern nicht.

Der FC Bayern befindet sich mitten im Umbruch. Die oben gelobte Spielergeneration geht nach und nach in den Ruhestand. Dass Hoeneß hier, angesichts der internationalen Preisexplosion, einen „neuen Weg“ propagiert: einverstanden. Sehr.

Doch meiner Meinung darf es auf keinen Fall ein stumpfes „back to the roots“ sein. Sondern eine zukunftsorientierte Neuinterpretation des „mia san mia“.

Mit einem FC Bayern, der sich seiner bayerischen Wurzeln besinnt und mit seiner unverwechselbaren Identität punktet: Eigenständigkeit, Tradition, Innovation, Bauernschläue, Großherzigkeit, Familiensinn, soziale Verantwortung, Laptop und Lederhose – alles das, was die PSGs, Reals und Cities dieser Welt nicht haben und nicht kaufen können.

Mia san mia 2.0

Der neue Weg ergibt sich aus der bayerischen Identität des Clubs. Was ist diese bayerische Identität? „Verwurzelt sein in der Heimat, aufgeschlossen für die Welt. Gleichzeitig eine Großzügigkeit des Herzens, die sich überträgt und ansteckt.“ Wunderbare Worte über die bayerische Mentalität von Wolfgang Hermann, Präsident der TU München. Die 1:1 auf den FC Bayern passen. Könnten.

Dieses frische mia san mia sollte sich auf allen Entscheidungsebenen zeigen:

sportlich, finanziell, sozial, in der Kommunikation und der Personalpolitik.

Sport

Der Weg, auf dem der FC Bayern ab 2010 so richtig Fahrt aufnahm, sollte nach dem Zwischenhalt Ancelotti genauso fortgesetzt werden: Mit Ballbesitzfußball. Mit hohem Pressing. Mit großer taktischer Variabilität. Mit einschüchternder Dominanz. Mit Eigengewächsen aus dem Nachwuchsleistungszentrum, deutschen Nationalspielern, internationalen Spielern zu mittleren Wahnsinnssummen, kurz vor dem Durchbruch zu Top-Stars und einzelnen „fertigen“ Top-Stars, selbstverständlich vollständig aus eigenen Mitteln finanziert.

Die sportliche Perspektive ist naturgemäß eng mit der wirtschaftlichen verknüpft:

Finanzen

Der FC Bayern muss erkennen, dass er im Wettrennen ums große Geld abgeschlagen auf Platz 5 oder 6 liegt.

2011 war der Club 160 Millionen hinter Real. 2016 immer noch 100 Millionen. In den Jahren dazwischen war es nicht viel anders. Das ist ein Abstand, der trotz aller Anstrengungen des FC Bayern, trotz aller Gelder aus Katar und China, nicht schrumpft.

Fernsehgelder, staatliche Unterstützung, erheblich höhere Ticketeinnahmen – wir kennen die Ursachen für die wirtschaftliche Dominanz von Real Madrid. Der einzige Posten, bei dem die Bayern besser abschneiden, sind die Einnahmen aus Sponsorengeldern und Merchandising. Der Unterschied ist hier aber nicht so groß, um den Graben zu Real oder den anderen Global Playern schließen zu können. Machen wir uns nichts vor: Der Zug mit den Waggons voller Geld ist abgefahren. Warum also dennoch so tun, als könnte man durch Verkauf der eigenen Seele etwas daran ändern?

Es ist eine harte Erkenntnis: Unter den Top 6 Europas sind wir wirtschaftlich nicht mal im Halbfinale. Würde nur das Geld zählen, wäre der Henkelpott unerreichbar. Und laut Hoeneß auch unerwünscht: „Wenn der Preis, die Champions League zu gewinnen, Transfers für 200 bis 300 Millionen Euro sind, will ich den Titel nicht.“

Das Geld allein zählt aber nicht. Zumindest nicht immer. Hier hilft ein Vergleich mit der Bundesliga: Lernen wir vom schwarzwälder Weg des SC Freiburg. Wie man dort mit sehr wenig Geld, aber umso mehr Köpfchen, über die erwartbaren Maße erfolgreich ist.

Wie Steffen Meyer von @derbayernblog im Focus sagte:

„Der FC Bayern muss andere Wege finden, diese Lücke zu schließen. Er muss in anderen Bereichen besser sein. Im Scouting, im Coaching, in der Spielanalyse, in der Talentförderung, im Fitness-Training, in der Nutzung moderner Technologien und Methoden – aber auch in der ständigen Weiterentwicklung der etablierten Spieler.“

Alternativlos ist nur der Tod

Einfallsreichtum muss ein entscheidender Teil des bayerischen Weges sein. Auf allen Ebenen. Ohne Denkverbote. Außer einem: Das Wort „alternativlos“ muss ab sofort alternativlos verbannt werden. Alternativlos ist nämlich nur der Tod. Ein Sponsoring durch Katar ist nicht alternativlos. Oder spielen wir ohne das Geld aus Katar in 3 Jahren nur noch EuropaLeague? Einen Airline-Sponsor zu haben, ist nicht alternativlos. Wer sagt, dass man unbedingt die ausscheidende Lufthansa ersetzen muss durch man befürchtet schon wen? Eine Halbzeitshow mit Anastacia ist nicht alternativlos. Das mia san mia braucht keine US-amerikanischen Showelemente. Das ist einfallslos, hat nichts mit dem Club zu tun, geschweige denn mit Fußball.

Für welche Halbzeitshow würden 300 Millionen Chinesen auf ihr Smartphone drücken? Für das, was sie, sorry für das Klischee, immer noch mit Deutschland verbinden – und zufällig ein Teil der Identität des FC Bayern ist: Lederhosen und Blaskapellen.

Zum neuen Weg gehört auch, Anteilseigner und Sponsoren als Partner zu sehen, von denen man mehr verlangen kann als lediglich Geld. Warum also nicht auch soziale Faktoren in die Verträge einbauen?

Mit der Telekom vereinbaren, dass die Brust im DFB-Pokal und bei Freundschaftsspielen für NGOs freigehalten wird? Dann könnte der FC Bayern bei der nächsten China-Reise mit Human Rights Watch auf dem Trikot ein Statement zu den Menschenrechten abgeben. Oder mit Amnesty auf den Trainingsshirts in Katar. Naiv? Undenkbar? Eher eine Frage des Willens und Ausspielens der eigenen Stärke! Was wir dafür bei Vorstand und Präsidium brauchen? Vielleicht nur die vielzitierten Eier des Oliver Kahn.

Warum nicht mit Adidas vereinbaren, dass sämtliches Merchandising fair produziert wird? Also wirklich fair, nachhaltig, zu annehmbaren Löhnen, Ihr wisst schon was ich meine. Unmöglich? Akzeptieren die nie? Wäre ich mir nicht so sicher. Der FC Bayern hat mehr Macht und Strahlkraft als man denkt.

Also:

Abkehr vom bloßen Kopieren der spanischen und englischen Großclubs, da finanzieller Abstand zu groß und auch durch Kopieren nicht zu schließen.

Internationalisierung mit Erschließung neuer Märkte ja, aber stets unter Wahrung der gesellschaftspolitischen Verantwortung.

Sponsorenauswahl nicht nur nach monetären Gesichtspunkten. Dazu Sponsorensuche auch in Bereichen, die zur sportlichen Vorbildfunktion und zu den Werten des Clubs passen: zum Beispiel gesunde Ernährung und Nachhaltigkeit.

Soziales

Soziales Engagement ist bereits Teil der Identität des FC Bayern – maßgeblich entwickelt durch Uli Hoeneß. Retterspiele, der FC Bayern Hilfe e.V., das Martin-Brunner-Haus zur Betreuung von mehr als 100 Schulkindern aus sozialen Brennpunkten, fortgesetzte Trainingsbetreuung von Flüchtlingskindern, hier ein Scheck, da ein Unter-die-Arme-Greifen. Alles fantastisch. Dieses Engagement müsste jedoch ausgebaut werden. Mit Schwerpunkt auf soziale Aktivitäten in der Münchener Heimat. Es müsste ebenfalls der breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht werden. Ich bin der Meinung, dass man sehr wohl Gutes tun UND darüber reden muss. Der FC Bayern soll weltweit mehr für sein soziales Engagement geschätzt werden. Als für Trainingslager in Wüstenstaaten.

Hat sich überall dieses Bild des FC Bayern verfestigt, könnten daraus neue Einnahmen erzielt werden. Asiaten, Amerikaner, Europäer – sie alle hätten neue gute Gründe dafür, ein Trikot des FC Bayern zu kaufen – unabhängig vom sportlichen Erfolg. Anders gesagt: Warum laufen überall in Deutschland Menschen mit St. Pauli-Shirts herum? Wegen der vielen Titel, die der Club gewonnen hat? Oder weil er für bestimmte Werte und eine Haltung steht? Weil er ein unverwechselbares Profil hat? Eine wirkliche Marke ist?

Es braucht als Teil des bayerischen Weges also endlich eine in den Clubstrukturen verankerte CSR-Abteilung (Corporate Social Responsibility). Experten für verantwortungsbewusstes Unternehmertum, die bei allen Entscheidungen zumindest ein Mitspracherecht haben. Als interne Beratungsgruppe mit Vorschlagsrecht. Die bei jedem Sponsoring, bei jeder Marketingaktion, bei jeder Internationalisierungs-Tour darauf achtet, dass die Werte des Clubs beachtet werden. Eine Abteilung, die nach außen kommuniziert, was der FC Bayern Gutes tut.

Und es braucht die Entwicklung von Leitlinien für die stark gewachsene Belegschaft, die vor allem auf die Beachtung der Werte des FC Bayern abzielen.

Kommunikation

Neben dem sozialen Engagement muss auch sonst Mitgliedern, Fans und Öffentlichkeit viel mehr erklärt werden, was der Club tut und warum er es tut. Eine fünfzeilige Klarstellung zum Abschied eines Publikumslieblings – das kann nicht der zukünftige Weg sein. Nur ein paar dürre Sätze zur lobenswerten Stipendiatenförderung an einer chinesischen Uni – das kann’s ebenfalls nicht sein.

Mia san mia in Sachen Kommunikation:

Verständliche Vermittlung strategischer und personalpolitischer Entscheidungen gegenüber Fans, Mitgliedern, Medien.

Empathische Kommunikation unter anderem in Pressemitteilungen entsprechend der Werte des FC Bayern.

Regelmäßige, anlasslose Gespräche mit Mitglieder- und Fan-Vertretern (Präsidentengespräche, Club Nr. 12, Ultras)

Teilnahme an Podiumsdiskussionen und Veranstaltungen von Fanvereinigungen und NGOs mit Fußballbezug.

Unterstützung unabhängiger, seriöser Nachrichtenformate (online und offline) durch Abstellung von Verantwortlichen für Interviews, etc.

Keine Bevorteilung von Medien durch lancierte Exklusiv-Meldungen. Transfers und andere wichtige Neuigkeiten werden zuerst durch den FC Bayern veröffentlicht.

Personal

Handeln mit Köpfchen muss wesentlicher Bestandteil des „Bayern way of life“ werden.

David Ogilvy, Gründer einer der größten Werbeagenturen der Welt, sagte einmal: Wenn jeder von uns Leute einstellt, die kleiner sind als wir selbst, werden wir ein Unternehmen von Zwergen. Wenn aber jeder von uns Leute einstellt, die größer sind als wir, werden wir ein Unternehmen von Riesen.

Guter Plan. Der FC Bayern investiert also in Riesen. In die besten Köpfe. Er stellt nicht ein nach Stallgeruch, spontanen Vorschlägen beim Autofahren und Nasenbeinbrüchen pro CL-Saison. Sondern nach Können. Er verpflichtet die besten Scouts, Kaderplaner, Ärzte, Ernährungsberater, Köche, Jugendtrainer, Spielanalytiker, Sportdirektoren. Gibt es diese Leute mit Stallgeruch – bestens. Gibt es diese Leute irgendwo außerhalb des bayerischen Dunstkreises – werden sie auch eingestellt. Denn der Weg des FC Bayern war schon immer ein polyglotter. Erster Trainer war ein Holländer. Zweiter ein Engländer. Da war der FC Bayern schon vor über 100 Jahren anderen deutschen Fußballvereinen viele britische Meilen voraus.

 

Der neue Weg bedeutet also nicht ein Aufhalten innerhalb des Herrschaftsgebietes der CSU. Sondern schlaues, vorausschauendes Denken und Handeln. Das ist anstrengend. Weil man dann nicht mehr einfach die anderen Großclubs kopieren kann – ohne Chance auf wirtschaftliche Augenhöhe, sondern einen eigenen Weg gehen muss. Pack ma’s!

Wortmeldung JHV 2016

Der Weihnachtskatalog des FC Bayern ist da!

Mein kleiner Sohn hat mir schon seinen Wunschzettel mit Fanartikeln diktiert. Und auch ich, Fan und Mitglied seit Jahrzehnten, wünsche mir etwas vom FC Bayern. Das man aber nicht per Katalog kaufen kann:

Ich wünsche mir einen FC Bayern, der das Richtige tut – und dabei das Falsche lässt.

Einen FC Bayern, der in rot-weißen Trikots aus recyceltem Plastikmüll spielt und in seiner Verantwortung für die Umwelt auf Pfandbecher in der Allianz Arena setzt. 16 Millionen weggeworfene Plastikbecher in 10 Arena-Jahren sind genug!

Ich wünsche mir einen FC Bayern, der einen Benefizlauf für Flüchtlinge organisiert, ohne dafür die BILD-Zeitung ins Boot zu holen. Ein Blatt, das immer wieder gegen Minderheiten hetzt und auch dem FC Bayern mehr schadet als nützt.

Ich wünsche mir einen FC Bayern, der weiterhin sein jüdisches Erbe pflegt und schon deshalb Geschäftsbeziehungen in Staaten unterlässt, die unserem Präsidenten Landauer die Einreise verweigert hätten.

Und ich wünsche mir einen FC Bayern, der sein Winter-Trainingslager dort aufschlägt, wo die Menschenrechte geachtet werden.

Ich wünsche mir all das für die Mitglieder und Fans, die auf ihren FC Bayern stolz sein wollen; über den sportlichen Erfolg hinaus.

Ich wünsche mir das für Vorstand und Präsidium, die einem Verein vorstehen, der „mehr als ein Club“ sein will. Und kein skrupelloser Global Player wie die Chelseas und Manchesters dieser Welt.

Und ich wünsche mir das für unseren FC Bayern selbst. Der eine Vorbildfunktion für Millionen Fans in aller Welt hat! Der international wachsen und gedeihen soll, ohne seine Werte zu verraten:

Fairness.

Menschlichkeit.

Zivilcourage.

Und gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein.

Der FC Bayern, das zeigen die von Jan-Christian Dreesen präsentierten Zahlen, ist eine Macht. Seine Strahlkraft ist groß wie nie. Mögliche Sponsoren stehen Schlange. Unsere Clubführung kann sich also ein werteorientiertes Handeln leisten. Sie würde damit Fans in aller Welt starke, ja einzigartige Gründe geben, den FC Bayern zu lieben – unabhängig von Titeln. Und damit die Marke FC Bayern stärken.

Ich wünsche mir bei Vorstand und Präsidium die Erkenntnis, dass nicht nur sportlicher, sondern auch wirtschaftlicher Erfolg auf Basis der Werte des FC Bayern möglich ist. Und ich wünsche ihnen die Motivation und Kreativität, das umzusetzen. Um den Stern des Südens weltweit strahlen zu lassen.

Das wäre eine richtig schöne Bescherung. Danke.

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