111 Gründe für den FC Bayern. Und einer mehr.

Es gibt 111 Gründe Angeln zu lieben. 111 Gründe für den FC 08 Homburg! 111 Gründe, Wien zu hassen (mir ist schleierhaft, wie man auch nur einen Grund finden kann, diese wunderbare Stadt nicht zu lieben). Aber auch 111 Gründe, ein Haus zu bauen, seine Kinder auf den Mond zu schießen, Yoga zu machen, Vegetarier zu sein, sich selbst zu lieben, München zu hassen, Wolfsburg (ja, Wolfsburg!) zu lieben. Es gibt 268 Treffer bei Amazon, wenn man nach Büchern sucht, die 111 Gründe für oder gegen irgendetwas aufführen. Das erste (und letzte) dieser Reihe habe ich gelesen:

Rot und weiss ein Leben lang. 111 Gründe für den FC Bayern München.

Das Buch geht seit Anfang November durch meine Timeline bei Twitter. Es wurde geschrieben von Felix Haselsteiner (@felixHa18) und Justin Kraft (@LahmsteigerDE). Zwei Autoren des zurzeit besten Bayernblogs miasanrot.de

Ich schätze den Blog sehr für seine Vorberichte und Spielanalysen. Durfte selbst dort schon was veröffentlichen zur Vereinspolitik des FC Bayern. Und weil ich den Blog und die Beiträge der Buchautoren schätze, habe ich ein Buch gekauft, das ich sonst nie gekauft hätte. Ich sollte es nicht bereuen.

Die Autoren beschreiben den FC Bayern aus ihrer Sicht in allen denkbaren und undenkbaren Facetten (ich selbst wäre niemals auf 111 Gründe gekommen). Sie sind mit 22 und 24 Jahren ungefähr halb so alt wie ich. Es ist sehr interessant, hier einen Einblick in die Gedankenwelt junger Bayernfans zu kriegen. Die vermutlich rund um die Jahrtausendwende mit dem Bayernvirus infiziert wurden. Vielleicht im Jahr der Schmach von Barcelona? Oder zwei Jahre später zum CL-Titel gegen Valencia? Wie auch immer: Die frühen 80er Jahre, meine Zeit der Fan-Werdung, Augenthaler, Nachtweih, Breitner, Dremmler, Pflügler kennen sie nur vom Hörensagen. Die teilweise gruseligen 90er, wo der FC Bayern phasenweise wahnwitzige Trainerentscheidungen traf und irrsinnige Transfers tätigte, mussten sie nicht erleiden. Somit wird es für Fans unterschiedlicher Generationen nicht nur unterschiedliche Gründe geben, den FC Bayern zu lieben. Sondern würden selbst manch identische Gründe unterschiedlich beschrieben werden.

Beispielsweise Grund 30: „Weil der FC Bayern Fehler immer schnell korrigiert.“

Hier werden die vernünftigen Trainerwechsel seit der Fehlentscheidung Klinsmann herangezogen. Aber ich erinnere mich noch mit Grausen daran, wie der Fehler der Heynckes-Entlassung mit dem Fehler Sören Lerby mit dem Fehler Erich Ribbeck korrigiert wurde.

Das Buch bohrt also nicht allzu tief im Unrat der Vergangenheit, es beleuchtet die Gegenwart, die Zeit der letzten 10 Jahre etwa und schaut auch in die Zukunft. Und das ist für mich der stärkste Teil eines lesenswerten Buches über den FC Bayern:
Die Autoren schaffen den Spagat, als „Grund für“ zu formulieren, was beim FC Bayern gegenwärtig eigentlich zu kritisieren ist:

Grund 63: „Weil man beim FC Bayern Werte vorgelebt bekommt.“

Grund 64: „Weil der FCB als Weltmarke familiär geblieben ist.“

Grund 69: „Weil der Club trotz aller Erfolge auch für Menschlichkeit steht.“

Diese Gründe habe ich mit größtem Interesse gelesen. Ich will nicht spoilern, lest selbst, wie die Autoren es schaffen, hier nachvollziehbare Begründungen zu liefern, ohne sich dabei zu verbiegen.

Beim Lesen des Buches hab ich darüber nachgedacht, was eigentlich mein „Grund“ ist, der für den FC Bayern spricht. Dabei kann es nicht darum gehen, aus welchem Grund man Bayern-Fan ist. Weil das Fan-Dasein zumeist ja keine rationale Ursache hat. Aber was ist Grund 112 aus meiner Sicht? Was spricht im Jahr 2017 für den FC Bayern?

Der FC Bayern ist für mich der faszinierendste und spannendste Club Europas, weil ich hier komprimiert das ganze Faszinosum und Dilemma, das ganze Drama, die Schönheit und Hässlichkeit, die Abgründe und die Höhen des heutigen Fußballs erleben kann. Der Club ist ein mittelständisches Unternehmen das Weltkonzern sein will. Patriarchalisch geführt, von Global Playern unterstützt, bestens vernetzt im Weltfußball, dessen Auswüchse vom Verein beizeiten kritisiert und gleichzeitig geschickt genutzt werden. Der FC Bayern kämpft glaubwürdig für einen eigenen Weg in Europas Elitezirkel. Will heimatverbunden bleiben, will die Fanbasis nicht verlieren. Will die Champions League gewinnen, ohne den entsprechenden Transferwahnsinn komplett mitzumachen. Will bestimmte Werte vorleben, will aber auch keinen Euro verlieren, der in Katar und China verdient werden kann. Nicht alles wirkt bei diesem Dauerspagat durchdacht, mit Strategie hinterlegt. Das kann und muss man kritisieren. Doch gleichzeitig kann man auch etwas Charmantes in diesem Unperfekten finden. In jedem Fall erkennt man ein aufrichtiges Bemühen für einen eigenen Weg. Den FC Bayern auf dieser Reise zu beobachten, zu begleiten und wenn möglich als Mitglied auch zu beeinflussen – das ist mein Grund 112 für den FC Bayern.

Das mia san mia Fanomen

Sie hüten ihre Glücksbringer-Trikots wie Schätze, sie zeigen bei Niederlagen mehr Emotionen als ihre Ehefrauen sonst von ihnen erleben, sie treffen sich mit Freunden in Kneipen, um ihren Verein zu sehen, sie verlieben sich in Spieler, sie verdammen den Schiedsrichter und verstehen nicht, wie andere nicht ihren Club genauso lieben wie sie. Das ist das Fan-Ding, so wie wir es kennen. Das ist die Liebe zum Fußballverein, wie sie die Dokumentation „Das mia san mia Phänomen“ zeigt (hier anschauen: http://www.dw.com/de/fc-bayern-münchen-dokumentation/a-40525205).

Doch diese Fans, deren Verhalten uns allen bekannt vorkommt, leben nicht in Bayern oder in Deutschland. Sondern in Rio de Janeiro, Nazareth, New York und Fukuyama. Sie verstehen sich als Teil der Familie des FC Bayern. Sie sind die wahren Helden dieses Films. Einer Auftragsarbeit von Niels Eixler und Manuel Vering für die Deutsche Welle.

Deutsche Welle! Das klingt nach Anspruch, nach kritischem Journalismus. Nach Bildungsfernsehen, finanziert mit Steuergeldern, das Menschen weltweit Deutschland in seiner Vielfältigkeit nahebringen soll. Es gibt sogar ein „Deutsche-Welle-Gesetz“, nach dessen Paragraphen 4 „Deutschland als europäisch gewachsene Kulturnation und freiheitlich verfasster demokratischer Rechtsstaat verständlich zu machen“ ist.

Meine Erwartungen waren hoch. Einen Film über meinen Verein, in Kinofilmlänge, der nicht von einem Sportsender oder gar vom clubeigenen fcb.tv produziert wurde.

Nach 58 Sekunden habe ich zum ersten Mal eine Gänsehaut. Die Bilder von Wembley, der unfassbar sympathische Sammy Kuffour mit ebenso sympathischem Bauchansatz am Pool seiner Villa in Ghana, der Kung-Fu-Sprung von Oli Kahn, ganz fairer Sportsmann Zentimeter an Heiko Herrlich vorbeigezielt, die Wucht der Ultra-Gesänge in den Straßen von Madrid: wow.

Ich lasse mich einfangen von den Bildern, genieße die Emotionen, vergesse meine ursprüngliche Erwartungshaltung. „Ich hau Dir aufs Maul!“ denke ich noch einmal, als ich erstmals wieder nach 30 Jahren Juanitos Tritt ins Gesicht von Matthäus sehe. „Scheiße ist das schlecht verteidigt“ rufe ich, als Solskjaer 1999… Ich falle in Gedanken noch einmal auf die Knie, als Oli 2001 den dritten Elfmeter von Valencia abwehrt – und bleibe gleich am Boden, um Schweinsteiger nach seinem Fehlschuss im Finale Dahoam zu trösten.

Ein toller Film, für Fans. Und das „mia-san-mia-Phänomen“? Naja, an einer Interpretation des mia san mia beim FC Bayern ist noch jeder gescheitert. Auch dem Film gelingt es nicht, trotz einer Reise von 50.000 Kilometern um die Welt auch nur in die Nähe einer guten Erklärung zu kommen. Hier die Versuche der gefragten ehemaligen Spieler und Trainer:

Bulle Roth:
„Uns zieht keiner die Lederhosen aus. Mia san mia, mia san die Bayern. Wir halten zusammen. Bei uns bleibt alles in der Familie. Uns kann keiner schlagen.“

Uli Hoeneß:
„Um das mia san mia zu verstehen und zu erleben, muss man die bayerische Kultur kennen.“

Carlo Ancelotti:
„Mia san mia ist eine starke Botschaft der Zusammengehörigkeit.“

Oliver Kahn:
„Mia san mia ist die Beschreibung einer Kultur. Die man erst als Spieler lernen muss. Nichts großkotziges. Bedeutet auch im Erfolg eine Demut zu bewahren. Aber auch: Wir können alles gewinnen.“

Giovane Elber:
„Du darfst nicht zufrieden sein, wenn Du was gewonnen hast. Du musst immer wieder etwas gewinnen. Mia san mia – das bedeutet wir sind eine Familie. Sogar mehr als eine Familie.“

Sammy Kuffour:
„Mia san mia? Das kann ich nicht beschreiben.“

Philipp Lahm:
„Mia san mia ist ein Gefühl. Es zeigt das Selbstverständnis des ganzen Vereins, immer maximalen Erfolg haben zu wollen. Was bedeutet es, beim FC Bayern zu sein? Was ist die Kultur, was sind die Werte, die der FC Bayern transportiert? Ich glaube, dass das sehr sehr wichtig ist. Und dann kann sich auch jemand von weit weg eingliedern in diese Gemeinschaft.“

Zusammengefasst: mia san mia hat aus Spielersicht also etwas mit Bayern, mit Familiensinn und ganz viel mit Erfolg und Siegeswillen zu tun. Die Süddeutsche Zeitung klärt über die Herkunft auf: mia san mia“ ist ein Spruch aus Österreich. „Im Materialarchiv des Bayerischen Wörterbuchs findet sich ein Hinweis auf das k.-u.-k. Hoch- und Deutschmeister Regiment Nr. 4 in Wien, …. In der Zeitschrift Wiener Studien von 1891 wird der Gesang der Deutschmeister zitiert: „Mir san mir – von Numero vier, …“

 

Zurück zum Film, in dem die 23jährige Camila Borborema aus Rio de Janeiro verblüffend abgezockt ihre Version des mia san mia erklärt:

„Zum Fußball gehören auch Geld, Investitionen und Management. Das ist der wahre Fußball. Es ist eben ein Unternehmen. Und wenn ich diese Dynamik begriffen habe, dann habe ich verstanden, worum es beim FC Bayern geht. Mia san mia ist für mich alles, was ein Fußballverein sein muss. Für mich ist das der FC Bayern in Perfektion.“

Vielleicht ist das die Stärke des „mia san mia“: Jeder Fan auf der Welt kann den Spruch für sich interpretieren. Ein Fanomen. Eine Hose, die jedem passt. Aber auch eine Hose, die merkwürdig beliebig daherkommt. Vielleicht ist das mia san mia wie die bayerische Lederhose, die längst weltweit zur Folklore verkommen ist.

Etwas zu viel Zucker. Als der Film zu Ende geht, fühle ich mich wie nach einer übergroßen Portion meiner Lieblingsschokolade. Ich habe Heißhunger nach einem scharfen Curry, oder irgendwas mit Zwiebeln. Denn der Film zeigte ausschließlich und untermalt mit elegischen Klängen die glänzende Seite des FC Bayern. Kein Wunder, wenn man ausschließlich Fans zu Wort kommen sowie verdiente Ehemalige und Uli Hoeneß in der Vergangenheit schwelgen lässt.

Die Dokumentation erfüllte nur einen Teil meiner Erwartungen: Die positiven Seiten der Internationalisierung des FC Bayern, seine weltweite Strahlkraft wurden eindrucksvoll vermittelt. Doch in der ganzen Süße fehlte das Salz.

Kein Wort zu Katar. Kein Wort zu den geschäftlichen Verbindungen nach China – die immer auch geschäftliche Verbindungen mit der dortigen Regierung sind. Was ist mit dem Spagat, den der FCB schaffen will zwischen Heimatverbundenheit und weltweiter Vermarktung? Wo überzieht der Club, wo vergisst er seine Werte? Welche Werte sind das überhaupt, die Kahn und Lahm ansprechen? Die Zerrissenheit, einerseits wohltätig zu sein, andererseits auf der fußballkapitalistischen Welle ziemlich unkritisch mitzuschwimmen – wurde überhaupt nicht thematisiert. Dabei ist das aktuell das eigentliche Spannungsfeld, in dem der Club sein mia san mia leben will. In dem er einiges richtig macht, aber auch immer wieder scheitert.

Die taz fragt zurecht: „Wie wäre es mit einem Film über die Schwierigkeiten eines wachsenden Fußballunternehmens, die immer schon dagewesenen Fans dahoam ebenso zu beglücken wie die neuen Kunden in Fernost? Wir wäre es mit einem Film, der nicht auch auf fcbayern.tv laufen könnte? Wir wäre es mit Journalismus?“

Fragen, die auch ich nach dem Film habe – und über die ich mit Regisseur und Autor Niels Eixler gesprochen habe:

Ihre Dokumentation wirkt wie ein Projekt, das auch das vereinseigene FCB.TV in Auftrag hätte geben können. Was war das Motiv, im Namen der Deutsche Welle solch eine unkritische, geradezu rosarote Dokumentation zu drehen?

Niels Eixler:
Die Deutsche Welle beauftragte mich mit einem Fußballfilm. Konkret sollte es ein Film über den FC Bayern werden. Ich wollte hier gerade nicht ein investigatives Erklärstück machen, wo am Ende keine Fragen offen bleiben. So etwas macht die Deutsche Welle sonst – übrigens auch zu Fußballthemen. Hier ging es mir um die Darstellung der Emotionen von Fans in aller Welt. Emotionen im Kinoformat. Das war mein Motiv für diesen Film

Wäre es aber dennoch nicht zwingend notwendig gewesen, auch die Schattenseiten der Internationalisierung des FC Bayern zu thematisieren?

Niels Eixler:
Von außen betrachtet, haben Sie vollkommen Recht. Die Frage drängt sich auf. Doch diese Seiten passten einfach nicht in die Story, die ich im Kopf hatte. Wenn Sie einen Film planen, haben Sie ja eine Geschichte im Kopf, die Sie erzählen wollen. Sie besetzen Rollen, die zur Geschichte passen.

Und ein Arbeiter aus Katar war da nicht vorgesehen?

Niels Eixler:
In diesem Film nicht. Wobei es absolut eine eigene Dokumentation wert wäre, das ganze internationale Fußballgeschäft auch von diesen dunklen Seiten her zu beleuchten.

Einer der Fans im Film ist ein Palästinenser, der in Nazareth lebt. Wäre es hier nicht interessant gewesen, die Vereinshistorie um den jüdischen Präsidenten Kurt Landauer anzusprechen?

Niels Eixler:
Im Bundesliga-Magazin „Kick off“ der Deutschen Welle haben wir der Landauer-Thematik viel Platz eingeräumt. So haben wir im Jahr 2014 die Schickeria München begleitet zur Preisverleihung des Julius-Hirsch-Preises und mit einem Filmbeitrag unseren ausländischen Zuschauern vermittelt, wer Kurt Landauer für den FC Bayern war. In der Dokumentation jetzt habe ich dafür keinen Platz gesehen.

Wenn man sich die Dokumentation anschaut, hat man das Gefühl, das etwas fehlt an der Darstellung des FC Bayern. Wie sehen Sie das?

Niels Eixler:
Sie können natürlich mit keinem einzelnen Film einen Verein wie den FC Bayern mit seiner 117jährigen Geschichte vollständig abbilden oder gerecht werden. Ich finde das eigentlich genau richtig, dass der Film die von Ihnen beschriebenen Lücken hat. Die Menschen sollen aus dem Film kommen und dann am besten darüber diskutieren. Ist das der ganze FC Bayern? Was bedeutet dem Einzelnen das „mia san mia“? Wenn die Fans darüber ins diskutieren kommen, wäre ich zufrieden.

Herr Eixler, vielen dank für das Gespräch!

 

Nachtrag:
Mein Lieblingsprotagonist im Film ist der Vater eines Jugendspielers der ersten japanisch-deutschen Fußball Akademie. Die wurde im April 2012 gegründet mit Unterstützung des FC Bayern und einer Großwerft (!), der Tsuneishi Group in Fukuyama. Bemerkenswert, welche Blüten die Internationalisierung so treibt. Aber gut, anderes Thema. Jedenfalls gibt es 9.161 Kilometer von München entfernt nun einen Fußballverein, offizielles Mitglied der Japan Football Association, der tatsächlich „FC Bayern Tsuneishi“ heißt. Eins der großen Talente dort ist Kanata Tokumotu aus der U15 Japan-Auswahl. Auch sein Vater wird nach dem mia san mia gefragt. Er lächelt und antwortet mit seiner eigenen Philosophie:

„Sich für alle bemühen. Weil man nicht allein lebt. Deshalb sollte man nicht nur an sich selbst, sondern auch an andere denken.“

Könnte das nicht auch ein Teil des „mia san mia“ werden?

Bayern-Fans wählen nicht rechtsradikal.

In wenigen Tagen ist Bundestagswahl und deshalb komme ich schnell zur Sache:
AfD wählen (oder welche rechtsradikale Partei auch immer) und gleichzeitig Fan des FC Bayern sein ist unvereinbar.

Die meisten Leser wissen was ich damit meine, die können sich direkt wieder ausklinken. Für alle anderen ein paar Worte zur Erklärung:

Der FC Bayern wird auch in dieser Woche wieder eine Gruppe junger Flüchtlinge mit einem Bus aus ihren Unterkünften abholen und zur Säbener Straße fahren. Dort werden sie die Rasenplätze nutzen, unter fachkundiger Anleitung Fußball spielen, wahrscheinlich noch ein leckeres Essen bekommen – und dann wieder zurück gefahren. Das macht der FC Bayern bereits seit zwei Jahren. Woche für Woche. Er fing damit an, als die Stimmung in Deutschland aufgeschlossener (im wörtlichen Sinne) war. Und er hörte nicht damit auf, als die Stimmung sich bei manchen Menschen drehte. Er tut das nämlich aus Überzeugung, als sein Beitrag zur Integration.

Beim Heimspiel gegen Anderlecht, so wurde es mir zugetragen, hat der FC Bayern nicht verkaufte Tickets an Flüchtlinge verschenkt. Wohl auch nicht zum ersten Mal.

Das ist unser Club, wie wir ihn lieben. Und das ist der Club, wie ich – und wohl die meisten Bayernfans und -mitglieder ihn sich auch wünschen.

Der FC Bayern ist schon aufgrund seiner historischen Erfahrung tolerant und offen gegenüber allen Menschen. Du musst einfach ein verdammt guter Kicker sein, um beim FC Bayern willkommen zu sein. Wer Du als Mensch bist, wo Du herkommst, woran Du glaubst, wen Du liebst – ist egal. War immer egal. Der Club hat bereits in den ersten Jahrzehnten nach Gründung von den Einflüssen ausländischer Trainer und Spieler profitiert. Seine Weltoffenheit machte ihn erfolgreich. In der Zeit der Nazis litt der FC Bayern stark unter den Faschisten. Die Geschichten um Kurt Landauer muss ich hier nicht noch einmal ausführen.

Wir lieben den Moslem Franck Ribéry. Wir wollen Nachbarn von Boateng sein. Wir feierten jeden gewonnen Zweikampf von Hamit Altintop. Wir schwärmen heute noch von der Leidenschaft, mit der Hasan Salihamidzic, Flüchtlingskind aus Jablanica, Bosnien-Herzegowina für unseren Club die Knochen hingehalten hat.

Der AfD geht das alles gegen den Strich. Sie würde Nationalspieler am liebsten nach Hautfarbe und Religion nominieren. Sie will jeden Flüchtling eher heute als morgen wieder loswerden. Und übrigens, meine Meinung, verarscht sie ihre Wähler nach Strich und Faden. Weil sie nur vorgibt, sich für deren tatsächliche Probleme zu interessieren.

Wer der AfD oder anderen rechtsradikalen Parteien seine wertvolle Stimme gibt, wählt rassistische, engstirnige, spießige, biedere, kleingeistige, primitive, machtgeile, rückwärtsgewandte, kulturlose, respektlose, dummdreiste, mit Verlaub Arschlöcher.

 

Was man als Fan des FC Bayern damit zu tun haben sollte?

Wenn Du ehrlich zu Dir bist: Gar nichts!

 

Inspiriert von einem Aufruf im Schalker „koenigsblog.net“ von @TorstenWieland (http://koenigsblog.net/2017/09/21/schalker-sein-und-bleiben-keine-stimme-der-afd/)

„Der Bayern way of life.“

„Wir müssen unseren eigenen Weg finden. Transfers nicht um jeden Preis. Sondern kluge Transfers. Irgendwann wird sich durchsetzen, dass nicht Geld entscheidet, sondern kluge Strategie.“

Wahre Worte von Uli Hoeneß am 24. Juli 2017 bei einem Pressegespräch. Nicht nur die normalen Fußballfans sind aufgewühlt von dem 220 Millionen Deal mit Neymar, finanziert durch Katar. Der Präsident des FC Bayern ist es auch. Geld aus dem Fenster rauszuwerfen hat den Fußball-Kaufmann der ersten Stunde schon immer angewidert. Egal ob 40.000 DM oder 40 Millionen Euro: Rentieren sollte sich ein Transfer schon. Sei es durch sportlichen Erfolg, erhöhten Merchandising-Absatz oder gewinnbringenden Weiterverkauf.

Am 31. Juli 2017 legt Hoeneß nach: „Wir müssen einen neuen Weg gehen. Weg von diesen 100 Millionen Transfers. Zurück zu den Wurzeln. Wir wollen das ‚Mia-san-Mia‘-Gefühl im Verein stärken.“

Es ist der Tag der Verkündigung des neuen Sportdirektors. Hasan Salihamidzic ist eine Personalentscheidung nach Hoeneß’ Geschmack. Ein verdienter Ex-Spieler mit Stallgeruch, der aus einfachen Verhältnissen kommt, sich „alles hart erarbeiten musste“ und „für gute Stimmung sorgt“. Diese Stellenbeschreibung, die in ein paar Jahren auch auf Franck Ribery, einen anderen Hoeneß-Liebling, passen würde, macht Salihamidzic, das Bürschchen, also zum idealen Sportdirektor mit weitreichenden Befugnissen: „Bindeglied zwischen Mannschaft und Trainer, Mannschaft und Vorstand. Bei allen Transferentscheidungen mit am Tisch. Koordinator der Nachwuchsförderung. Chef von Kaderplaner Reschke.“

Soviel Macht bei einem Newcomer im Haifischbecken Fußballbusiness? Philipp Lahm wird die Pressekonferenz nicht minder erstaunt angeschaut haben als ich.

Der neue Weg, der „Bayern way of life“ wie Hoeneß kurz darauf im Gespräch mit Wontorra formuliert, ist also gar nicht so neu. Back to the roots zu diesem ominösen „mia san mia“, das vom Verein scheinbar immer dann wie ein Joker aus dem Ärmel gezogen wird, wenn die Fanbasis beruhigt und die Heimatseele gestreichelt werden soll. Das einzig konkrete, was Hoeneß bei Wontorra zum “ Bayern way of life“ sagte: „Die Wärme, die Familie – das ist die Antwort des FC Bayern auf die Neymars und Dembélés dieser Welt.“ Aber das kann höchstens ein kleiner Teil der Antwort sein.

Was treibt Hoeneß eigentlich dazu, diesen „neuen Weg“ in die Vergangenheit zu suchen? Ist es wirklich nur der Transferwahnsinn, der ihn stört? Sein unsouveränes Nachtreten gegen Matthias Sammer und die Retro-Personalentscheidungen mit Gerland als NLZ-Chef, Sagnol als Co-Trainer und Brazzo als Sportdirektor können kaum als Reaktion auf durchdrehende Scheichs in Paris und Manchester gesehen werden.

Irgendetwas scheint Hoeneß am FC Bayern der Jahre 2014-2016 gestört zu haben. Das waren die Jahre unter Guardiola, Sammer und Reschke. Und es war die Zeit, in der die Rattanmöbel in Hoeneß’ Büro verwaist waren.

Nur so kann ich mir diese Vehemenz erklären, mit der sich Uli Hoeneß nach dem guten alten FC Bayern sehnt. Als noch ein Anruf von ihm genügte, um Top-Nationalspieler an die Säbener zu holen. Als der Ehrgeiz des FC Bayern sich noch in den Grenzen der Bundesliga hielt und man alljährlich mit dem Viertelfinale der Champions League zufrieden war. Dann wartete ohnehin der AC Milan mit Inzaghi – aber lassen wir das. Die Jahre 1999 und 2001 mit den CL-Finals musste man als Ausrutscher nach oben werten. Europas Elite – das war nicht der Zirkel, in dem der FC Bayern sich bewegte. Schon damals war Hoeneß nicht bereit, mehr als mittlere Wahnsinnssummen (im europäischen Maßstab) zu bezahlen.

Dieses im Rückblick beschauliche Vereinsleben änderte sich nach dem historisch einschneidenden Lahm-Interview in der SZ. Der kritisierte nämlich genau diesen „Bayern way of life“ der philosophielosen und impulsgesteuerten Spieler- wie Trainerauswahl. Damit konnte man zwar meistens die Bundesliga dominieren, aber in der CL nicht wirklich was reißen.

Und in einem lichten Moment der Vereinsgeschichte zeigte Hoeneß sich noch einmal als der Visionär, der er – bis dato vor allem vermarktungsmäßig – war. Mit Louis van Gaal und den in dieser Form unwiederholbaren Transferglücksgriffen Ribery und Robben und den in der Summe unwiederholbaren Eigengewächsen Müller wie Alaba, mit Kroos, Schweinsteiger und Lahm begann die erfolgreichste Phase der Vereinsgeschichte. Erstmals gab es den kontinuierlichen, planmäßigen Auf- und Ausbau einer Spielidee. Mit abruptem Erfolg des CL-Finals 2010, in gefestigter Form mit den Finals 2012 und 2013, mit dem Triple. Und dann, auf dem Höhepunkt in 113 Jahren FC Bayern, mit der Verpflichtung von Pep Guardiola. Der es schaffte, eine Triple-Mannschaft spielerisch und taktisch noch einmal weiterzuentwickeln. Auch wenn ihm die Wiederholung des CL-Erfolgs misslang.

War das alles so schlecht, dass man nun „zurück zu den Wurzeln“ muss? Ich verstehe es nicht. Ich verstehe Hoeneß hier nicht. Ich verstehe den FC Bayern nicht.

Der FC Bayern befindet sich mitten im Umbruch. Die oben gelobte Spielergeneration geht nach und nach in den Ruhestand. Dass Hoeneß hier, angesichts der internationalen Preisexplosion, einen „neuen Weg“ propagiert: einverstanden. Sehr.

Doch meiner Meinung darf es auf keinen Fall ein stumpfes „back to the roots“ sein. Sondern eine zukunftsorientierte Neuinterpretation des „mia san mia“.

Mit einem FC Bayern, der sich seiner bayerischen Wurzeln besinnt und mit seiner unverwechselbaren Identität punktet: Eigenständigkeit, Tradition, Innovation, Bauernschläue, Großherzigkeit, Familiensinn, soziale Verantwortung, Laptop und Lederhose – alles das, was die PSGs, Reals und Cities dieser Welt nicht haben und nicht kaufen können.

Mia san mia 2.0

Der neue Weg ergibt sich aus der bayerischen Identität des Clubs. Was ist diese bayerische Identität? „Verwurzelt sein in der Heimat, aufgeschlossen für die Welt. Gleichzeitig eine Großzügigkeit des Herzens, die sich überträgt und ansteckt.“ Wunderbare Worte über die bayerische Mentalität von Wolfgang Hermann, Präsident der TU München. Die 1:1 auf den FC Bayern passen. Könnten.

Dieses frische mia san mia sollte sich auf allen Entscheidungsebenen zeigen:

sportlich, finanziell, sozial, in der Kommunikation und der Personalpolitik.

Sport

Der Weg, auf dem der FC Bayern ab 2010 so richtig Fahrt aufnahm, sollte nach dem Zwischenhalt Ancelotti genauso fortgesetzt werden: Mit Ballbesitzfußball. Mit hohem Pressing. Mit großer taktischer Variabilität. Mit einschüchternder Dominanz. Mit Eigengewächsen aus dem Nachwuchsleistungszentrum, deutschen Nationalspielern, internationalen Spielern zu mittleren Wahnsinnssummen, kurz vor dem Durchbruch zu Top-Stars und einzelnen „fertigen“ Top-Stars, selbstverständlich vollständig aus eigenen Mitteln finanziert.

Die sportliche Perspektive ist naturgemäß eng mit der wirtschaftlichen verknüpft:

Finanzen

Der FC Bayern muss erkennen, dass er im Wettrennen ums große Geld abgeschlagen auf Platz 5 oder 6 liegt.

2011 war der Club 160 Millionen hinter Real. 2016 immer noch 100 Millionen. In den Jahren dazwischen war es nicht viel anders. Das ist ein Abstand, der trotz aller Anstrengungen des FC Bayern, trotz aller Gelder aus Katar und China, nicht schrumpft.

Fernsehgelder, staatliche Unterstützung, erheblich höhere Ticketeinnahmen – wir kennen die Ursachen für die wirtschaftliche Dominanz von Real Madrid. Der einzige Posten, bei dem die Bayern besser abschneiden, sind die Einnahmen aus Sponsorengeldern und Merchandising. Der Unterschied ist hier aber nicht so groß, um den Graben zu Real oder den anderen Global Playern schließen zu können. Machen wir uns nichts vor: Der Zug mit den Waggons voller Geld ist abgefahren. Warum also dennoch so tun, als könnte man durch Verkauf der eigenen Seele etwas daran ändern?

Es ist eine harte Erkenntnis: Unter den Top 6 Europas sind wir wirtschaftlich nicht mal im Halbfinale. Würde nur das Geld zählen, wäre der Henkelpott unerreichbar. Und laut Hoeneß auch unerwünscht: „Wenn der Preis, die Champions League zu gewinnen, Transfers für 200 bis 300 Millionen Euro sind, will ich den Titel nicht.“

Das Geld allein zählt aber nicht. Zumindest nicht immer. Hier hilft ein Vergleich mit der Bundesliga: Lernen wir vom schwarzwälder Weg des SC Freiburg. Wie man dort mit sehr wenig Geld, aber umso mehr Köpfchen, über die erwartbaren Maße erfolgreich ist.

Wie Steffen Meyer von @derbayernblog im Focus sagte:

„Der FC Bayern muss andere Wege finden, diese Lücke zu schließen. Er muss in anderen Bereichen besser sein. Im Scouting, im Coaching, in der Spielanalyse, in der Talentförderung, im Fitness-Training, in der Nutzung moderner Technologien und Methoden – aber auch in der ständigen Weiterentwicklung der etablierten Spieler.“

Alternativlos ist nur der Tod

Einfallsreichtum muss ein entscheidender Teil des bayerischen Weges sein. Auf allen Ebenen. Ohne Denkverbote. Außer einem: Das Wort „alternativlos“ muss ab sofort alternativlos verbannt werden. Alternativlos ist nämlich nur der Tod. Ein Sponsoring durch Katar ist nicht alternativlos. Oder spielen wir ohne das Geld aus Katar in 3 Jahren nur noch EuropaLeague? Einen Airline-Sponsor zu haben, ist nicht alternativlos. Wer sagt, dass man unbedingt die ausscheidende Lufthansa ersetzen muss durch man befürchtet schon wen? Eine Halbzeitshow mit Anastacia ist nicht alternativlos. Das mia san mia braucht keine US-amerikanischen Showelemente. Das ist einfallslos, hat nichts mit dem Club zu tun, geschweige denn mit Fußball.

Für welche Halbzeitshow würden 300 Millionen Chinesen auf ihr Smartphone drücken? Für das, was sie, sorry für das Klischee, immer noch mit Deutschland verbinden – und zufällig ein Teil der Identität des FC Bayern ist: Lederhosen und Blaskapellen.

Zum neuen Weg gehört auch, Anteilseigner und Sponsoren als Partner zu sehen, von denen man mehr verlangen kann als lediglich Geld. Warum also nicht auch soziale Faktoren in die Verträge einbauen?

Mit der Telekom vereinbaren, dass die Brust im DFB-Pokal und bei Freundschaftsspielen für NGOs freigehalten wird? Dann könnte der FC Bayern bei der nächsten China-Reise mit Human Rights Watch auf dem Trikot ein Statement zu den Menschenrechten abgeben. Oder mit Amnesty auf den Trainingsshirts in Katar. Naiv? Undenkbar? Eher eine Frage des Willens und Ausspielens der eigenen Stärke! Was wir dafür bei Vorstand und Präsidium brauchen? Vielleicht nur die vielzitierten Eier des Oliver Kahn.

Warum nicht mit Adidas vereinbaren, dass sämtliches Merchandising fair produziert wird? Also wirklich fair, nachhaltig, zu annehmbaren Löhnen, Ihr wisst schon was ich meine. Unmöglich? Akzeptieren die nie? Wäre ich mir nicht so sicher. Der FC Bayern hat mehr Macht und Strahlkraft als man denkt.

Also:

Abkehr vom bloßen Kopieren der spanischen und englischen Großclubs, da finanzieller Abstand zu groß und auch durch Kopieren nicht zu schließen.

Internationalisierung mit Erschließung neuer Märkte ja, aber stets unter Wahrung der gesellschaftspolitischen Verantwortung.

Sponsorenauswahl nicht nur nach monetären Gesichtspunkten. Dazu Sponsorensuche auch in Bereichen, die zur sportlichen Vorbildfunktion und zu den Werten des Clubs passen: zum Beispiel gesunde Ernährung und Nachhaltigkeit.

Soziales

Soziales Engagement ist bereits Teil der Identität des FC Bayern – maßgeblich entwickelt durch Uli Hoeneß. Retterspiele, der FC Bayern Hilfe e.V., das Martin-Brunner-Haus zur Betreuung von mehr als 100 Schulkindern aus sozialen Brennpunkten, fortgesetzte Trainingsbetreuung von Flüchtlingskindern, hier ein Scheck, da ein Unter-die-Arme-Greifen. Alles fantastisch. Dieses Engagement müsste jedoch ausgebaut werden. Mit Schwerpunkt auf soziale Aktivitäten in der Münchener Heimat. Es müsste ebenfalls der breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht werden. Ich bin der Meinung, dass man sehr wohl Gutes tun UND darüber reden muss. Der FC Bayern soll weltweit mehr für sein soziales Engagement geschätzt werden. Als für Trainingslager in Wüstenstaaten.

Hat sich überall dieses Bild des FC Bayern verfestigt, könnten daraus neue Einnahmen erzielt werden. Asiaten, Amerikaner, Europäer – sie alle hätten neue gute Gründe dafür, ein Trikot des FC Bayern zu kaufen – unabhängig vom sportlichen Erfolg. Anders gesagt: Warum laufen überall in Deutschland Menschen mit St. Pauli-Shirts herum? Wegen der vielen Titel, die der Club gewonnen hat? Oder weil er für bestimmte Werte und eine Haltung steht? Weil er ein unverwechselbares Profil hat? Eine wirkliche Marke ist?

Es braucht als Teil des bayerischen Weges also endlich eine in den Clubstrukturen verankerte CSR-Abteilung (Corporate Social Responsibility). Experten für verantwortungsbewusstes Unternehmertum, die bei allen Entscheidungen zumindest ein Mitspracherecht haben. Als interne Beratungsgruppe mit Vorschlagsrecht. Die bei jedem Sponsoring, bei jeder Marketingaktion, bei jeder Internationalisierungs-Tour darauf achtet, dass die Werte des Clubs beachtet werden. Eine Abteilung, die nach außen kommuniziert, was der FC Bayern Gutes tut.

Und es braucht die Entwicklung von Leitlinien für die stark gewachsene Belegschaft, die vor allem auf die Beachtung der Werte des FC Bayern abzielen.

Kommunikation

Neben dem sozialen Engagement muss auch sonst Mitgliedern, Fans und Öffentlichkeit viel mehr erklärt werden, was der Club tut und warum er es tut. Eine fünfzeilige Klarstellung zum Abschied eines Publikumslieblings – das kann nicht der zukünftige Weg sein. Nur ein paar dürre Sätze zur lobenswerten Stipendiatenförderung an einer chinesischen Uni – das kann’s ebenfalls nicht sein.

Mia san mia in Sachen Kommunikation:

Verständliche Vermittlung strategischer und personalpolitischer Entscheidungen gegenüber Fans, Mitgliedern, Medien.

Empathische Kommunikation unter anderem in Pressemitteilungen entsprechend der Werte des FC Bayern.

Regelmäßige, anlasslose Gespräche mit Mitglieder- und Fan-Vertretern (Präsidentengespräche, Club Nr. 12, Ultras)

Teilnahme an Podiumsdiskussionen und Veranstaltungen von Fanvereinigungen und NGOs mit Fußballbezug.

Unterstützung unabhängiger, seriöser Nachrichtenformate (online und offline) durch Abstellung von Verantwortlichen für Interviews, etc.

Keine Bevorteilung von Medien durch lancierte Exklusiv-Meldungen. Transfers und andere wichtige Neuigkeiten werden zuerst durch den FC Bayern veröffentlicht.

Personal

Handeln mit Köpfchen muss wesentlicher Bestandteil des „Bayern way of life“ werden.

David Ogilvy, Gründer einer der größten Werbeagenturen der Welt, sagte einmal: Wenn jeder von uns Leute einstellt, die kleiner sind als wir selbst, werden wir ein Unternehmen von Zwergen. Wenn aber jeder von uns Leute einstellt, die größer sind als wir, werden wir ein Unternehmen von Riesen.

Guter Plan. Der FC Bayern investiert also in Riesen. In die besten Köpfe. Er stellt nicht ein nach Stallgeruch, spontanen Vorschlägen beim Autofahren und Nasenbeinbrüchen pro CL-Saison. Sondern nach Können. Er verpflichtet die besten Scouts, Kaderplaner, Ärzte, Ernährungsberater, Köche, Jugendtrainer, Spielanalytiker, Sportdirektoren. Gibt es diese Leute mit Stallgeruch – bestens. Gibt es diese Leute irgendwo außerhalb des bayerischen Dunstkreises – werden sie auch eingestellt. Denn der Weg des FC Bayern war schon immer ein polyglotter. Erster Trainer war ein Holländer. Zweiter ein Engländer. Da war der FC Bayern schon vor über 100 Jahren anderen deutschen Fußballvereinen viele britische Meilen voraus.

 

Der neue Weg bedeutet also nicht ein Aufhalten innerhalb des Herrschaftsgebietes der CSU. Sondern schlaues, vorausschauendes Denken und Handeln. Das ist anstrengend. Weil man dann nicht mehr einfach die anderen Großclubs kopieren kann – ohne Chance auf wirtschaftliche Augenhöhe, sondern einen eigenen Weg gehen muss. Pack ma’s!

Wortmeldung JHV 2016

Der Weihnachtskatalog des FC Bayern ist da!

Mein kleiner Sohn hat mir schon seinen Wunschzettel mit Fanartikeln diktiert. Und auch ich, Fan und Mitglied seit Jahrzehnten, wünsche mir etwas vom FC Bayern. Das man aber nicht per Katalog kaufen kann:

Ich wünsche mir einen FC Bayern, der das Richtige tut – und dabei das Falsche lässt.

Einen FC Bayern, der in rot-weißen Trikots aus recyceltem Plastikmüll spielt und in seiner Verantwortung für die Umwelt auf Pfandbecher in der Allianz Arena setzt. 16 Millionen weggeworfene Plastikbecher in 10 Arena-Jahren sind genug!

Ich wünsche mir einen FC Bayern, der einen Benefizlauf für Flüchtlinge organisiert, ohne dafür die BILD-Zeitung ins Boot zu holen. Ein Blatt, das immer wieder gegen Minderheiten hetzt und auch dem FC Bayern mehr schadet als nützt.

Ich wünsche mir einen FC Bayern, der weiterhin sein jüdisches Erbe pflegt und schon deshalb Geschäftsbeziehungen in Staaten unterlässt, die unserem Präsidenten Landauer die Einreise verweigert hätten.

Und ich wünsche mir einen FC Bayern, der sein Winter-Trainingslager dort aufschlägt, wo die Menschenrechte geachtet werden.

Ich wünsche mir all das für die Mitglieder und Fans, die auf ihren FC Bayern stolz sein wollen; über den sportlichen Erfolg hinaus.

Ich wünsche mir das für Vorstand und Präsidium, die einem Verein vorstehen, der „mehr als ein Club“ sein will. Und kein skrupelloser Global Player wie die Chelseas und Manchesters dieser Welt.

Und ich wünsche mir das für unseren FC Bayern selbst. Der eine Vorbildfunktion für Millionen Fans in aller Welt hat! Der international wachsen und gedeihen soll, ohne seine Werte zu verraten:

Fairness.

Menschlichkeit.

Zivilcourage.

Und gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein.

Der FC Bayern, das zeigen die von Jan-Christian Dreesen präsentierten Zahlen, ist eine Macht. Seine Strahlkraft ist groß wie nie. Mögliche Sponsoren stehen Schlange. Unsere Clubführung kann sich also ein werteorientiertes Handeln leisten. Sie würde damit Fans in aller Welt starke, ja einzigartige Gründe geben, den FC Bayern zu lieben – unabhängig von Titeln. Und damit die Marke FC Bayern stärken.

Ich wünsche mir bei Vorstand und Präsidium die Erkenntnis, dass nicht nur sportlicher, sondern auch wirtschaftlicher Erfolg auf Basis der Werte des FC Bayern möglich ist. Und ich wünsche ihnen die Motivation und Kreativität, das umzusetzen. Um den Stern des Südens weltweit strahlen zu lassen.

Das wäre eine richtig schöne Bescherung. Danke.

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