Gefühle, wo man schwer beschreiben kann.

Gestern um 22:38 war ich glücklich. Mein FC Bayern war soeben aus der Champions League ausgeschieden. Und ich war glücklich. Darüber, dass dieser große, provinzielle, bayerische, internationalisierte, herzliche, unterkühlte, kommerzielle, familiäre, nahbare, distanzierte Club mit seinen mehrheitlich Multimillionen verdienenden, durchtätowierten, blingbling-gestylten Gladiatoren mich noch genauso packt wie damals. Als der Fußballzirkus noch um einige Grad runtergekühlter war als heute, meine Helden Dremmler und Dürnberger hießen, und als Helden ihren Tod nicht leben mussten.

Damals saß ich genauso vorm Fernseher wie gestern. Damals, das war das Europapokalfinale der Landesmeister 1982 gegen Aston Villa. Ich zitiere die Süddeutsche Zeitung:

„Gegen den englischen Meister Aston Villa dominierten die Bayern im Feijenoord-Stadion von Rotterdam die Partie, doch das Sturmduo Karl-Heinz Rummenigge und Dieter Hoeneß traf das Tor nicht. Besser machte es Peter Withe, der die Engländer nach 67 Minuten in Führung brachte. Kurz vor Schluss dann doch noch ein Tor von Hoeneß, der Schiedsrichter gab allerdings den regulären Treffer nicht.“

Zusammengefasst:

  • der FC Bayern dominiert
  • der Weltklasse-Stürmer trifft das Tor nicht
  • der Schiedsrichter macht einen gravierenden Fehler
  • eine gute Aktion des Gegners entscheidet das Spiel

Welche Parallelität der Ereignisse.

Ich war 9 Jahre alt, hochgradig aufgeregt. Kaute mir die Nägel runter, saß zusammengekrampft auf dem Boden vorm neu gekauften Farbfernseher im Wohnzimmer. Eine Bayernfahne hatte ich dahinter aufgehängt, ein eigenes Trikot besaß ich noch nicht. Aber Schal und Schweißband (!) hatte ich angezogen. Ich durfte bis zum Schlusspfiff aufbleiben, obwohl am nächsten Tag Schule war. Am Ende des Spiels flossen Tränen.

Und gestern? War ich froh und dankbar, dass ich mir wieder die Fingerkuppen ruinierte, der Albernheit, Glücksbringer anzuziehen, eine enorme Bedeutung für den Spielausgang beimaß, mit Engegefühl im Brustkorb und heißem Herz vorm Fernseher saß und mich dem FC Bayern so verbunden fühlte, als wäre er wirklich ein Teil von mir. Jedes Foul an unseren Jungs schmerzte, jede vergebene Chance war ein Tiefschlag, die Tore wirkten  als hätte ich sie selbst geschossen.

Eine unzertrennliche Verbindung, die ich gestern wieder gespürt habe, die mich all den Ärger über Fehlentwicklungen nicht vergessen macht, aber doch aushalten lässt.

Der FC Bayern gibt mir so viele Emotionen, berührt mich nach so vielen Jahren und Jahrzehnten immer noch so sehr. Ganz gleich, ob negativer oder positiver Art. Egal. Es fühlt sich super an. Danke für dieses große Spiel gestern. Für all die großen Siege und epischen Niederlagen zuvor.