Das Rummenigge-Interview. Eine Interpretation.

Zur Person

Karl-Heinz Rummenigge wäre ein schlechter Schauspieler und er wusste es schon immer. Die Rolle des Sergeant Stark im Film Potato Fritz hätte er nie angenommen.

Rummenigge ist niemand für die große Bühne, wo das Rampenlicht blendet. Warum ich das glaube? Weil er sich sonst häufiger auf der großen Bühne präsentieren und inszenieren würde. In die erste Reihe will er nur im Champions-League-Finale.

Sein fehlendes Schauspieltalent ist ein Indiz dafür, dass Rummenigge sich im Gespräch mit mir nicht verstellt hat. Vielleicht hatte ich Glück, an dem Tag auf einen gut gelaunten Vorstandsvorsitzenden zu treffen. Vielleicht erlebte ich einen offenen Rummenigge, weil ich nicht als Journalist vor ihm saß. Vielleicht hatte er auch einfach Lust an dem „Experiment“ eines Interviews mit einem vereinsnahen, wenn auch kritischen Blogger.

Ich kann daher nur wiedergeben, wie ich ihn in der guten Stunde unseres Treffens erlebt habe: als freundlichen, entspannten Gesprächspartner, der in sich ruhte, gut zuhörte und gerne erzählte. Der mich nicht einen Moment spüren ließ, dass hier der große Vorsitzende mit einem von 290.000 Vereinsmitgliedern spricht.

Rummenigge wirkte auf mich in seinem Verhalten, aber auch in den Dingen, die er mir erzählte, uneitel. Ich dachte an die grandiose Dokumentation „Profis“, die den FC Bayern in der Saison 78/79 begleitet hat. Darin sind Spielszenen von einer Partie beim HSV, bei der die Bayernspieler Mikrofone trugen (heute undenkbar). Nach einem starken Sololauf schießt Rummenigge ein wunderbares Tor. Als Paul Breitner ihn dafür bejubeln will, winkt Rummenigge ab mit einem „Ist doch lächerlich“.

Uneitel, schon als Spieler. Es ging darum, ostwestfälisch nüchtern seine Arbeit zu erledigen, Tore zu schießen.

Sein Image ist ihm glaubhaft egal. Weil es ihm nicht wichtig ist, wie er rüberkommt. Das kann man ignorant finden. Kann man aber auch als bodenständig bezeichnen. Ich jedenfalls finde es im Glitzergeschäft des Spitzenfußballs sehr angenehm, wenn jemand um seine eigene Person kaum Aufhebens macht.

Ich will nicht von diesem einen angenehmen Gespräch aus das Image des emotionslosen unterkühlten Technokraten korrigieren. Aber eins wurde mir vor Augen geführt:

Der Mensch, den man aus den Medien kennt ist ein anderer als der ohne Kameras und Mikrofone. Das klingt banal, scheint aber dennoch oft vergessen zu werden, wenn man jemanden aufgrund von Pressekonferenzen und O-Tönen beurteilt. Auch bei Rummenigge kommt man mit diesem Schwarz-Weiß-Denken nicht weiter. Die Realität ist vielschichtiger.

Zur Sache

Rummenigges Zeit als Spieler beim FC Bayern dauerte zehn Jahre. Es war eine Ära. Aber nur eine kurze im Vergleich zu seiner zweiten Karriere in München, die nun schon seit 25 Jahren anhält. In dieser Zeit wurde der Verein zu einer AG. Und vom nationalen Nonplusultra mit mäßig gefüllter Leichtathletikarena zum internationalen Eliteclub mit ausverkauftem eigenen Stadion. Als Karl-Heinz Rummenigge im Jahr 1992 anfing, arbeitete er sich mit Fleiß und ostwestfälischer Sachlichkeit (ja, Lippstadt liegt nicht in Ostwestfalen, aber Rummenigge fühlt sich als einer) in die Materie ein. Er knüpfte ein Netz aus internationalen Kontakten, seine italienischen und französischen Sprachkenntnisse halfen ihm dabei. Hier wurde systematisch durch Rummenigge etwas erschaffen, was dem FC Bayern bis dahin fehlte: internationale Geltung.

Erfolgsanteil

Rummenigge erahnte bereits Ende der 80er Jahre, ich zitiere dazu in meinem Portrait, dass der Fußball zum globalisierten Unterhaltungszirkus mutieren würde. Erst durch seine Kontakte in die Wirtschaft und zu anderen wichtigen europäischen Clubs konnte der FC Bayern zu einer europäischen Top-Marke im Fußball werden.

Das kann man alles kritisch sehen und verurteilen. Ich will es aber einfach mal wertneutral formulieren. Weil das sonst nicht geschieht. Weil sonst bei ihm kaum differenziert wird. Ohne Karl-Heinz Rummenigge hätte der FC Bayern vielleicht kein eigenes Stadion und ohne seine leitende zehnjährige Tätigkeit bei der ECA (Vereinigung europäischer Fußballvereine) ganz sicher nicht den wirtschaftlichen – und damit sportlichen Erfolg.

Der FC Bayern ist nicht nur das Lebenswerk von Uli Hoeneß. Sondern auch das von Karl-Heinz Rummenigge. In seinen zehn Jahren als Spieler war er für viele Titel maßgeblich verantwortlich und sorgte mit seinen überragenden Leistungen dafür, dass der FC Bayern in der Bundesliga gefürchtet war. Durch seinen Transfer nach Italien erst wurde der FC Bayern schuldenfrei und wirtschaftlich handlungsfähig. Durch seine prägende Tätigkeit der letzten 25 Jahre wuchsen Verein und AG zu einem Fußballunternehmen mit Milliardenwert.

Es geht ihm nur um den FC Bayern

Wie Rummenigge selbst dabei in der Öffentlichkeit wegkommt, ist für ihn zweitrangig. Ist ihm auch egal, wie die eigenen Mitglieder über ihn und seinen Kurs denken? Nein, es ist anders: Er ist immer mal wieder irritiert darüber, wenn seine Vorstellungen von Vermarktung und Kapitalisierung an der Basis nicht gut ankommen. Denn aus seiner Sicht ist das ja alles zum Wohl des FC Bayern.

Die K-Frage

Warum ich ihn nichts zu Katar gefragt habe? Weil das nicht Thema dieses Interviews war. Und weil ich zum anderen bereits mehrfach gegenüber dem Club deutliche Kritik an den Katar-Touren geäußert habe. Kritik, die auch Rummenigge erreicht hat.

Mein Fazit

Man muss Rummenigge kritisieren, wenn er mit seinen Vermarktungsambitionen übers Ziel hinausschießt. Man muss ihm auch die Widersprüche vorhalten, die in manchen Aussagen stecken. Man muss ihn immer wieder dafür sensibilisieren, dass das Wohl des FC Bayern zum Teil auch vom Wohl der ganzen Bundesliga abhängt. Aber man sollte ihn gleichzeitig auch dafür respektieren, was er für den FC Bayern mit besten Absichten in insgesamt 35 Jahren geleistet hat. Und das ist, mit einer weiteren Rummenigge-Floskel gesprochen, „ à la bonne heure“.